Oldenburg Die Zeiten sind zu einfach: War es für Kinder früher nahezu unmöglich, an Musik zu gelangen, die von Erwachsenen, FSK und dem Kirchenältestenrat nicht freigegeben war, wird sie den Kleinen heutzutage frei Haus geliefert. Was in den 1980ern eine vielfach raubkopierte Musikkassette mit „Claudia“ von den Ärzten war, die die Runde im Klassenzimmer machte, ist heute ein bloßer Tipp auf dem iPad oder ein Befehl an Alexa.

Geht es nach uns Eltern, soll der Nachwuchs sich altersgerecht, aber respektvoll ausdrücken. Beschimpfungen sind tabu, und auch allzu Vulgäres wird schnell unterbunden. Aber auch da gibt es Abstufungen: Wenn mein achtjähriger Sohn laut „Scheiße“ ruft, weil er beim Fußball das Tor nicht trifft, soll es mir recht sein. Wenn er bei Kaffee und Kuchen über den Tisch krakeelt, die Scheiße schmecke ihm nicht, ist eine Grenze überschritten.

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Wie auch immer, man laviert sich tagtäglich so durch, will nicht zu viel verbieten (und vor allem nicht mit zweierlei Maß messen, denn wie oft rutscht einem selbst mal ein nicht zitierfähiges Wort über die Lippen), man will aber auch nicht alles als selbstverständlich durchwinken.

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Doch mit der Musik werden manch Unsagbares oder unpassende Themen auch in die Kinderzimmer getragen. Hier ist meine Hitparade der Lieder und Liedtexte, gesungen von meinen Kindern (5 und 8), die mich am meisten überrascht bzw. herausgefordert haben.

„Schrei nach Liebe“ von den Ärzten

Auch heute, 36 Jahre nach „Claudia“, spielen die Ärzte eine gewichtige Rolle darin, Eltern unter Schock zu setzen. Und ich muss dazu sagen, dass ich „Schrei nach Liebe“ von 1993 für ein fantastisches Lied halte, für Kulturgut und für ein zeitloses Stück Wut gegen diejenigen, die Hass und Hetze verbreiten. Was mich dennoch schockiert (aber, und das gebe ich zu: gleichzeitig auch belustigt) hat, sind meine Kinder, die immer wieder „Arschloch“ skandieren. Ein kurzer Hinweis meinerseits, dass der Begriff zwar böse ist, in diesem Zusammenhang aber angebracht und ich ihn „dennoch von euch nicht hören möchte“ (so viel zum Thema Lavieren) – und das Thema war erledigt. Heute singen sie nur noch: „Höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Annitüte heißt“.

„Natalie“ von Mark Forster

Wenn es um vulgäre Äußerungen und sprachliches Untenrum geht, hätte ich zunächst nicht an Mark Forster gedacht. Mein ältester Sohn ist seit einem guten Jahr großer Fan des Pfälzer Musikwunders mit Brille, Bart und Cap. Als Eltern ist die Anschaffung einer CD von Mark Forster ein sicheres Brett, was die Familienverträglichkeit der Worte angeht. Von wegen: In „Natalie“ kotzt er sich eine „Fick-dich-Fresse“ von der Seele. Ein Wort, das auch von meinem zweiten Sohn Fynn (5 Jahre alt) gerne rezitiert wird. Dem ganzen habe ich jetzt einen Riegel vorgeschoben: Das Wort ist verboten. Dennoch bleibt „Natalie“ Fynns Lieblingslied, wie er gerne kundtut. Warum wohl?

„Bierkapitän“ von Markus Becker und Richard Bier

Jetzt wird’s weniger vulgär, dafür aber nicht eben kindgerechter: Beide Söhne überschlugen sich neulich geradezu in dem Versuch, mir ihr neuestes Lieblingslied vortragen zu dürfen – und dann legten sie los: „Ich bin der Bierkapitän! Kann ich bitte mal die Bierbäuche seh’n?“ Gefolgt von einem nicht enden wollenden Gegacker. Plötzlich sitzt man als Erziehungsberechtigter mitten im Mallorca-Bierzelt. Auch hier gilt aber: Ich sage einfach nichts. Denn bei uns zu Hause fließt der Gerstensaft nicht gerade im Überfluss – und Vorleben ist ja das Erziehungsinstrument Nummer Eins. Dann sollen die Kinder ruhig ihre Sauflieder singen, sie wissen ja nicht, was sie tun...

„Thekenmädchen“ von Versengold

Dieser Song ist eigentlich gar nicht schlimm. Nur unerwartet: Dass mein Fünfjähriger mir singend Beziehungstipps übermittelt, damit hätte ich nicht gerechnet. „Verlieb’ dich nie, nie, nie, niemals, nie in das Mädchen hinter der Theke“, heißt es in dem Lied von Versengold. Denn die Gute sei ja nur so nett zu dir, weil es ihr Job sei. Ob Fynn das verstanden hat, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht erinnert er sich irgendwann mal daran. Dann hätte das Lied sein Gutes gehabt – vorausgesetzt, das Mädchen hinter der Theke interessierte sich wirklich nicht für ihn.

„Bonbon aus Wurst“ von Helge Schneider

An diesem Lied bin ich nicht ganz unschuldig. Als meine Kinder voller Begeisterung Helge-Schneider-Songs zum Besten gaben, die sie bei Freunden gehört hatten, hielt ich das für witzig und unterstützenswert. Dass „Ich weiß, du findest mich scheiße“ aus „Es gibt Reis“ bei ihnen gut ankommt – geschenkt. Das Nötige dazu habe ich natürlich schon gesagt. Was mich stark verwunderte, war, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kinder „Bonbon aus Wurst“ sangen. Auf der anderen Seite – woher sollten sie auch wissen, was dieses „Bonbon aus Wurst“ eigentlich ist? Und so singen sie halt: „Mein Bonbon wurde hart“ – ich lasse sie einfach unwissend.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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