Oldenburg Wenn ein Bild für mich charakteristisch für die Corona-Zeit steht, dann die Playmobil-Szene, die die Tochter unserer Nachbarn aufgebaut hat: ein Eiswagen, vor dem Kinder mit gebührendem Abstand voneinander in der Schlange stehen. Markierungen weisen den jungen Kundinnen und Kunden ihren Platz zu, Schilder am Eiswagen erinnern ans Abstandhalten und Desinfizieren. Das ist die Realität, wie Kinder sie wahrnehmen, spielerisch eingebunden in den Alltag.

Seit ziemlich genau einem halben Jahr ist der Ausbruch von Covid-19 offiziell eine Pandemie. Seitdem verlaufen unsere Leben anders als sonst. Anfangs noch drastisch, mittlerweile moderater anders, aber immer noch spürbar – vor allem, wenn die finanzielle Seite des Lebens ins Wanken gerät. Mittendrin sind die Kinder, die sich auf unterschiedlichste Weise mit den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus auseinandersetzen müssen.

Und letzten Endes tun sie das in Kategorien, mit denen auch Erwachsene der Pandemie begegnen:

1. Kultur

Am Anfang der Pandemie haben sich Kinder aus der Nachbarschaft zusammengetan, um in einer Art Improtheater-Vorstellung einen Corona-Song zum Besten zu geben. In Sachen Technik, Rhythmus und Taktgefühl war da noch viel ausbaufähig, aber der Text hatte es in sich: „Corona, Corona, es ist überall!“ Dabei tanzten sie und warfen sich gegenseitig mit einem rosa Ball um, der das Virus darstellte. Später schmetterten sie Camila Cabellos Radiohit „Havana“, umgedichtet in „Corona oh na na“. Dieser Ohrwurm ist hochinfektiös.

Spielerische Annäherung an die Pandemie: Playmobil-Figur mit Mundschutz. Bild: Privat

2. Wissenschaft

Mein achtjähriger Sohn schnappte sich damals sein Kinder-Mikroskop und untersuchte fieberhaft seine Finger: „Ich glaub’, da ist eine. Eine Vire.“ Dass der Singular von Viren nicht Vire heißt, sondern Virus – geschenkt. Muss ein Achtjähriger auch nicht wissen. Aber dass da ein ganz neuer Wind durch das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt wehte, bekommt er natürlich auch mit.

3. Widerstand

Erst recht, wenn die Schule ausfällt. Das war noch der schwierigste Part in den ersten Monaten des Ausnahmezustands: das Kind davon zu überzeugen, dass es nicht in den Genuss von „Corona-Ferien“ kommt, sondern sich tagtäglich zu Hause um Hausaufgaben kümmern muss. Das Konzept Homeoffice kommt bei Kindern nicht vor. Ihre Welt ist klar geteilt in Pflicht (Schule oder Kindergarten) und Spaß (zu Hause). Genauso wie sie denken, dass Erwachsene ihre Welt in Pflicht (Arbeit) und Spaß (Hausarbeit, Bügeln, Putzen, Staubsaugen, Reparieren, Kinder herumkommandieren) unterteilen. Es dauerte eine Weile, doch dann gehörte das Homeschooling auch für meinen Sohn zum Alltag.

4. Fantasie / Medizin

Diese Regel gilt auch außerhalb der Pandemie: Die besten Gespräche mit den eigenen Kindern entstehen am Küchentisch. Mein Sechsjähriger ließ sich dort einiges einfallen, wie man sich des Virus entledigen könnte: Er sprach davon, dass es nur wieder mehr regnen müsse, dann würden die Viren schon abgewaschen. Süß. Und das Irrste ist, dass zurzeit Menschen in Deutschland auf die Straßen gehen, die sich der Sache mit ähnlicher Naivität nähern. Nur sind die 50 Jahre älter...

Oder er baut sich im Kopf seinen eigenen Impfstoff zusammen, mit allem, was der Kühlschrank so hergibt. Wer weiß? Vielleicht sollten wir uns alle einfach Champignons, Erdbeeren und Mortadella spritzen. Schon mal darüber nachgedacht, BILL GATES!???!?

5. Disziplin und Frustration

Insgesamt machen meine Kinder alles gut mit, haben verstanden, warum sie Masken tragen müssen. Sie tun es, auch wenn es ihnen nicht gefällt. Grundschülern (zumal den Älteren) ist das auch durchaus zuzumuten. Jetzt, nur wenige Tage nach Ferienende, macht sich aber schon eine gewisse Resignation bei meinem Sohn bemerkbar: „Wir dürfen nicht fangen spielen, kein Fußball – und wenn wir Dinge untereinander tauschen, müssen wir sie danach desinfizieren. Das ist echt blöd“, sagte er neulich.

Angst haben die Kinder vor dem Virus nicht. Nur seine Auswirkungen nerven, und zwar gewaltig.

Ich verstehe das voll und ganz. Kein Mensch sagt, dass Masken, Abstände und Einschränkungen Spaß machen. Wir wollen sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Und natürlich hat mein sechsjähriger Sohn vollkommen Recht, wenn er sagt: „Papa, Corona ist voll scheiße!“ Treffender hätte ich es auch nicht beschreiben können.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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