Rastede Der Moment des Abhebens gehört zu den heikelsten. Der Helikopter der Hubschrauberstaffel startet unter Feuerwehraufsicht und rückwärts – den Landeplatz kann er bei Komplikationen so direkt wieder ansteuern. Als erste Frau in Niedersachsen fliegt ihn Kirsten Böning. Die 32 Jahre alte Pilotin startet seit Ende 2018 von Rastede zur Suche nach Vermissten oder auf die Jagd nach Verbrechern. „Ich habe zwei Traumberufe in einem“, sagt Böning. „Sowohl die Polizeiarbeit macht mir mega viel Spaß, als auch das Fliegen – das macht süchtig.“

Als Böning 2011 eine Ausbildung bei der Polizei beginnt, ist die Leidenschaft für Hubschrauber schon längst entfacht. „Das erste Mal Mitfliegen ist einfach nur atemberaubend. Man vergleicht das immer gerne mit Flugzeugfliegen, aber es ist was völlig anderes. Weil man viel, viel mehr mitbekommt von draußen und es ist alles viel langsamer.“

Komplizierte Steuerung

Schweben – wie schwer der Zustand im Cockpit herzustellen ist, lernt die damals 21-Jährige bei einem Schnupperflug. „Das erste Mal fand ich ganz gruselig, wirklich gruselig. Man sitzt in dem Hubschrauber, der relativ nah am Boden ist, und man merkt das erste Mal, wie empfindlich die Steuerung ist.“ Mit Händen und Füßen bedient sie drei Steuerelemente gleichzeitig: Steuerknüppel, Pitch und Pedale. „Man hat das Gefühl, es ist überhaupt nicht möglich, gleichzeitig diese drei Sachen zu machen.“

Doch der Knoten platzt und für die 32-Jährige stellt es keine Herausforderung mehr dar, das fast drei Tonnen schwere Modell EC 135 in der Luft zu halten. „Es ist wie Autofahren. Also es ist schöner als Autofahren, aber es ist vergleichbar mit dieser Routine.“ Zudem ist es schneller: Mehr als 250 Stundenkilometer sind mit dem Helikopter möglich. In rund 30 Minuten kann ein Hubschrauber von einem der beiden Standorte in Rastede und Hannover/Langenhagen in ganz Niedersachsen einsatzbereit sein.

Ungleichgewicht

Bei der Hubschrauberstaffel gibt es unter 49 Kollegen nur eine zweite Frau – als Operatorin bedient diese beim Flug die Wärmebildkamera. Der Frauenanteil in der gesamten niedersächsischen Polizei liegt laut Innenministerium bei 35 Prozent. Es gibt neben der Hubschrauberstaffel auch andere Bereiche, darunter SEK und Wasserschutzpolizei, wo ein besonderes Ungleichgewicht herrscht.

Zehn bis 15 Pilotinnen gibt es in ganz Deutschland, schätzt Böning. Sie möchte Vorbild sein und andere Frauen ermutigen, ebenfalls Polizeihubschrauberpilotin zu werden. So könnten diese dann von ihren Erfahrungen im Beruf erzählen. Bei der letzten Ausschreibung habe sich allerdings nicht eine Frau beworben, sagt die 32-Jährige. „Vielleicht, weil viele denken, dass es so ein technischer Beruf ist. Viele schrecken mit Sicherheit auch die zwei Jahre Ausbildung ab.“

Polizistin als Traumjob

Mit Anfang 20 fand sie selbst zunächst keine passende Ausbildung zur Hubschrauberpilotin. Sie macht die Polizeiausbildung und arbeitet bei der Bereitschaftspolizei – Fußballspiele, G7-Gipfel. „Ich wollte eigentlich immer zur Polizei, weil ich Streifendienst toll finde. Ich finde es schön, auf der Straße zu sein und mit den Leuten zu reden, einfach dieses Soziale dabei.“

Davon ist die Kommissarin jetzt etliche Meter entfernt, sie schwebt buchstäblich über den Dingen. „Ich glaube, durch diese Distanz hat man auch emotionale Distanz.“ Drei Leichen hat Pilotin Böning bei Flügen bislang entdeckt. „Wenn ich das mit dem Streifendienst vergleiche: Wenn mich emotional etwas mitgenommen hat, waren das eher die Angehörigen. Das hab ich halt mit nach Hause genommen, wie schlecht es denen ging – nicht dass da eine Leiche lag.“

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