Lohne Nach einem größeren Corona-Ausbruch von Mitarbeitern einer Hähnchenschlachterei in Lohne darf der Betrieb weitergehen. Es handele sich um eine Ermessensfrage, sagte der Landrat des Landkreises Vechta, Herbert Winkel (CDU), am Sonntag. „Wir konnten keinen bestimmten Infektionsherd feststellen“, sagte Winkel. Es gebe zwar ein größeres Ausbruchsgeschehen, das sich auf ein Kartonage-Lager zurückführen lasse, wo sich einige Mitarbeiter in den Pausen getroffen hatten. Das Hygienekonzept des Betriebs sei aber gut. Die Mehrheit der Betroffenen habe sich wohl in der Freizeit infiziert.

Bei einem Reihentest unter Mitarbeitern der Hähnchen-Schlachterei der PHW-Gruppe (Wiesenhof) wurden von 1046 Mitarbeitern 66 positiv auf Covid-19 getestet. Alle Infizierten wurden unter Quarantäne gestellt. Auch 70 direkte Angehörige seien bereits unter Quarantäne, sagte Winkel. Weitere Kontaktpersonen sollen ab Montag ermittelt werden.

Einschränkungen im öffentlichen Leben?

Für den Lankreis bedeuten die Corona-Fälle, dass die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen 7 Tage auf einen Wert von mehr als 41 gestiegen sind. Ab einem Wert von 50 drohen wieder Einschränkungen im öffentlichen Leben. „Wir beobachten die Entwicklung mit Argusaugen“, sagte Winkel. Ein Reißen der 50er-Marke wäre für den Landkreis sehr schlecht. Allerdings könne der Kreis in einem solchen Fall nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster auch örtlich begrenzte Maßnahmen wie etwa Ausgangssperren verhängen.

Der Landkreis habe die Massentests vergangene Woche veranlasst, nachdem dem Schlachthof selbst bei eigenen Tests vermehrte Infektionen aufgefallen seien. Zwei der Infizierten seien im Krankenhaus, sie seien aber schon wieder auf dem Weg der Besserung, sagte Winkel. „Die Verläufe sind zum Glück relativ problemlos.“

Schlachthof 2016 komplett neugebaut

Der Hähnchenschlachthof in Lohne war nach einem Brand im Jahr 2016 komplett neu aufgebaut worden. „Es ist einer der modernsten, vielleicht sogar der modernste Schlachthof weltweit“, sagte PHW-Chef Peter Wesjohann. Das Hygienekonzept werde stetig weiterentwickelt. Nun solle zusätzliches Personal auf die Einhaltung der Hygieneauflagen achten. In dem Lohner Schlachthof erfolge die Schlachtung und Zerlegung der Tiere vollautomatisch. Personal werde nur bei leichten Schneide-, Verpackungsarbeiten oder im Bereich der Logistik eingesetzt. In der Belüftungsanlage werde bereits ein Keimfilter eingesetzt.

Die Mitarbeiter sollen nun verstärkt auf Infektionen getestet werden. Eine Komplettdesinfektion des Wiesenhof-Standorts sei geplant, das Aufsichtspersonal im Kartonlager und in Pausenräumen solle verstärkt werden. Bei früheren Tests gab es dem Unternehmen zufolge bis auf zwei Nachweise keine bekannten Infektionen unter Mitarbeitern.

95 weitere Beschäftigte in Quarantäne

In Absprache mit den Behörden sollten 95 weitere Beschäftigte in Quarantäne. Künftig sollten die Beschäftigten mit Blick auf das Hygienekonzept geschult werden, zusätzliche Pausenräume sollten entstehen und die verschiedenen Arbeitsschichten voneinander getrennt werden. Rückkehrer aus Risikogebieten müssten für 14 Tage vorsorglich in Quarantäne. Urlaubsrückkehrer und neu Eingestellte müssten sich auf das Coronavirus testen lassen. Auch nach einer Quarantäne seien künftig Tests nötig. Schutzkleidung und Desinfektionsmittel sollten zur Verfügung gestellt werden.

Der katholische Pfarrer Peter Kossen sprach angesichts der erneuten Ausbrüche in dem Schlachthof von „moderner Sklaverei“ in den Fleischfabriken. Von Ankündigungen großer Fleischkonzerne, Werkarbeiter fest anstellen zu wollen, dürfe sich der Gesetzgeber nicht täuschen lassen, sagte der aus dem Kreis Vechta stammende Pfarrer aus Lengerich im nordrhein-westfälischen Kreis Steinfurt am Sonntag. Wenn jetzt zu hören sei, „die Werkvertragsarbeiter würden demnächst von Tochtergesellschaften angestellt, dann ist das doch die gleiche Masche, mit der die Fleischindustrie schon lange Arbeitsmigranten ausgebeutet hat, indem sie nämlich als eigener Subunternehmer auftritt und genau damit Löhne und Sozialstandards drückt“, mahnte Kossen. Der Pfarrer setzt sich seit Jahren für die Interessen der Werkarbeiter in der Fleischindustrie ein.

Die Konzerne Tönnies, Westfleisch und PHW (Wiesenhof) hatten angekündigt, ab 2021 auf Werkarbeiter weitgehend verzichten zu wollen. Die Bundesregierung plant zum 1. Januar zudem ein Verbot der Werkarbeit in der jetzigen Form.

Corona-Infektionen in Schlachthöfen hatten zuletzt zu einer bundesweiten Debatte über die Zustände in der Fleischindustrie geführt. Der Tönnies-Standort Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen hatte Schlagzeilen gemacht, weil sich rund 1400 Mitarbeiter, darunter viele Werkarbeiter, mit dem Virus Sars-Cov-2 infiziert hatten. Während im restlichen Bundesgebiet die Corona-Maßnahmen deutlich gelockert wurden, hatte die Bevölkerung in den Kreisen Gütersloh und Warendorf deshalb erneut weitgehende Einschränkungen des Alltags hinnehmen müssen. Betroffen waren zeitweise rund 640.000 Einwohner.

Weitere Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen

Der Ausbruch in Lohne ist bislang deutlich kleiner. In der Vergangenheit war es bereits in Wildeshausen (Kreis Oldenburg) zu Ansteckungen in einem Wiesenhof-Unternehmen gekommen. Dort wurden bei „Geestland Putenspezialitäten“ unter 1183 vorliegenden Ergebnissen 46 Corona-Fälle registriert. Der Betrieb wurde komplett heruntergefahren, nachdem für die rund 1100 Mitarbeiter und deren direkte Kontaktpersonen vom Landkreis Oldenburg Quarantäne angeordnet wurde. Auch bei dem Zerlegebetrieb von Westcrown in Dissen (Landkreis Osnabrück), einem Gemeinschaftsunternehmen von Westfleisch und Danish Crown, waren im Mai insgesamt 146 Mitarbeiter positiv auf das Virus Sars-Cov-2 getestet worden. Der Betrieb wurde dort für zwei Wochen eingestellt.

Die PHW-Gruppe mit Sitz im Kreis Vechta, zu der Wiesenhof gehört, erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr (30. Juni) einen Umsatz von 2,68 Milliarden Euro, die Mitarbeiterzahl lag bei 7032. Der Anteil der Werkarbeiter an den Beschäftigten beträgt dem Unternehmen zufolge derzeit 20 Prozent.

In den vergangenen Jahren war die PHW-Gruppe immer wieder Ziel der Kritik von Tierschützern. Nach dem Generationswechsel in der Geschäftsführung des Familienunternehmens auf Peter Wesjohann suchte das Unternehmen in den vergangenen Jahren aber auch den Dialog mit Tierschützern, etwa der Organisation Peta. Im vergangenen Jahr sind nach Unternehmensangaben 80 Prozent der Produkte unter Tierwohl-Bedingungen produziert worden. Das Unternehmen investiert auch in alternative Proteinquellen wie vegane Produkte oder künstlich erzeugtes Fleisch.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.