Oldenburg „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittags Schwimmschule.“ Der meist- zitierte lakonische Eintrag aus Kafkas Tagebüchern vom 2. August 1914 kommt uns heute fast komisch vor.

Komisch gemeint ist dagegen die Nachbetrachtung einer Dichterlesung, die Franz Kafka Ende November 1910 besuchte und deren Verlauf er gnadenlos kommentiert, bis zum bitteren Ende: „Einige“ (der Zuhörer) „blieben noch, worauf er“ (der Dichter) „ein Märchen vorlas, das Stellen hatte, die jeden berechtigt hätten, von der äußersten Stelle des Saales mitten durch und über alle Zuhörer hinauszurennen.“ Die Vorstellung, dass unter den dergestalt Fliehenden Franz Kafka war, macht die Sache noch komischer.

Erhalten haben sich die Tagebücher der Jahre 1910-1917, vollständig sind sie nicht. Allerdings sollte das, was drinsteht, durchaus reichen, um das gängige Kafka-Bild vom Heiligen Franz, der den bevorstehenden Weltuntergang in kafkaesken Gleichnissen ausmalt, grundlegend zu korrigieren. In seinen Tagebüchern lernen wir nun einen umtriebigen Prager Junggesellen um die Dreißig kennen, der durchaus nicht weltfremd wirkt, in Caféhäusern, Vortragssälen und Theatern unterwegs ist, Familie, Freunde und Freundinnen hat, einem Beruf nachgeht, eine Berufung spürt und sich über all das Gedanken macht.

Dieser Gedanken wegen, hellsichtig und tiefenscharf zugleich, lesen wir sein Tagebuch mit wachsender Begeisterung.

Ohne Franz Kafka banalisieren zu wollen, muss die vitale Seite seiner Existenz betont werden, da sie immer noch von seinen Deutern und Jüngern vernebelt und verschattet wird. Und solang sich nicht die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass dieser Schmerzensmann bisweilen zu Scherzen aufgelegt war, werden wir auch seine erzählende Prosa nicht so unvoreingenommen lesen, wie sie es verdient hätte.

Die Autoren dieses Beitrages sind Klaus Modick (links) und Bernd Eilert. Die beiden Olden­burger Schriftsteller stellen in dieser Literatur-Kolumne 100 Meisterwerke des 20. Jahr­hunderts vor.

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