Oldenburg Der Tiger thront vor einem Stapel Bücher, aufmerksam blickt er dem Betrachter entgegen. Über ihm heben Flugzeuge ab, vor ihm huscht eine Ratte über die Seiten. Dort hocken Erdmännchen und Chamäleon, Neonfisch und Vogel, Kaninchen und Käfer friedlich nebeneinander, dazwischen Ringelblumen und Klee. Das Plakat führt mitten hinein in die Ausstellung „Schau genau – Bilder erklären dir die Welt“ mit Illustrationen von Julie Sodré (35), Annika Siems (29) und Anne Bernhardi (32). Anlass ist die Kinder- und Jugendbuchmesse (Kibum) vom 2. bis 12. November, die sich schwerpunktmäßig mit dem Sachbuch beschäftigt.

Flora und Fauna

Die drei jungen und bereits erfolgreichen Künstlerinnen haben viele Gemeinsamkeiten, darunter das Studium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg – einer Hochburg der Kinderbuchillustration. Gemeinsam sind die Präzision ihres Pinselstrichs, ihre Bilder sind von einem Foto kaum zu unterscheiden, und ihre Detailtreue. Und doch haben sie alle ihren eigenen Stil. Julie Sodré und Annika Siems illustrieren zu Flora und Fauna, dem Thema Nummer 1 im deutschen Sachbuch für Kinder. Anne Bernhardi bevorzugt historische Themen – je älter, desto besser.

Das Sachbuch führt im Buchhandel eher ein Schattendasein. Vor ein paar Jahren betrug sein Anteil an verkauften Büchern noch 13 Prozent, heute sind es rund zehn Prozent. Regina Peters, Organisatorin der Kibum, führt das vor allem auf die Konkurrenz durch das Internet zurück, wo Informationen jederzeit schnell abrufbar sind.

Andererseits gilt das Sachbuch als ein wichtiger Brückenbauer. Der durchschnittliche Sachbuchleser ist männlich, und Jungen stehen nicht unbedingt im Verdacht, Leseratten zu sein. „Um die Welt verstehen zu lernen, Wissen zu vermitteln und Lust am Entdecken zu wecken, muss die Information mit guten Illustrationen kombiniert werden“, erklärt Peters. Dann springe der Funke über, das motiviere zum Lesen.

Wer schon einmal versucht hat, ein Tier in Bewegung zu fotografieren, kann sich vorstellen, wie schwierig die Darstellung erst mit einem Zeichenstift sein muss. Aber die Illus­tratorinnen wissen sich zu helfen. So streift Julie Sodré für ihre Bilder auch nicht stundenlang durch den Wald auf der Suche nach einem bestimmten Tier, sondern skizziert in Ruhe unter anderem anhand von Präparaten aus dem Museum.

Julie Sodré ist in Rio de Janeiro geboren und aufgewachsen. Die 35-Jährige mit deutschen Vorfahren spricht vier Sprachen und arbeitet seit 2006 als Illustratorin für unterschiedliche Verlage in Europa. Ihr Lieblingsbuch in Kindertagen war „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Vielleicht erklärt das ihre Vorliebe für alles, was kreucht und fleucht. „Rote Liste“ war das erste Buchprojekt der engagierten Naturschützerin über gefährdete Tiere und Pflanzen in Brasilien.

Tarnung und Tiefsee

Gleich mehrere Auszeichnungen erhielt Annika Siems, geboren und aufgewachsen in Pinneberg, für ihr Debüt-Sachbuch „Meister der Tarnung“. Dabei studierte sie an der HAW zunächst Mode und wechselte erst später zur Illustration. Farbenprächtig und detailgetreu porträtiert sie darin 14 Überlebenskünstler aus der Tierwelt – vom Chamäleon über Igel und Wanderheuschrecke bis zum Zebra. Besonders gern mag die Katzenliebhaberin Vögel, vorzugsweise Wellensittiche.

In ihrem neuen Buchprojekt geht die 29-Jährige allerdings der Faszination Tiefsee auf den Grund – zusammen mit dem Leiter des Zoologischen Instituts in Kiel, Prof. Wolfgang Dreyer. Die Verknüpfung von Illustration und Wissenschaft bezeichnet sie als inspirierende Teamarbeit.

Annika Siems kann aber auch lustig. Für die diesjährige Kibum hat sie das Plakat gemalt: An einer Wäscheleine hängen zwischen – selbstverständlich – Sachbüchern, Pulli, Hummer und Schmetterling sechs frisch gewaschene fröhliche Zebras.

Anne Bernhardi, geboren in Leverkusen, hat schon als Kind gern gezeichnet – am liebsten zu ihren eigenen Geschichten. Ihr Metier sind vor allem historische Themen. Bernhardis erstes Buch behandelte die Kelten, dann ging es Schlag auf Schlag. Es folgten Sachbücher über Ägypten und Napoleon Bonaparte. Im Juni dieses Jahres erschien das Buch „Richard Löwenherz – König, Ritter, Troubadour“ von Birgit
Fricke mit Bernhardis
Illustrationen, die sich durch einen sehr naturalistischen Stil auszeichnen. Mit Tusche und Pinsel neugierig machen auf das Leben und den Alltag der Menschen in alten Zeiten – das beherrscht die 32-Jährige meisterhaft.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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