BERLIN Sie ist eine Karrierefrau und zahlte dafür mit einem Hörsturz. Miriam Meckel war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin und Staatssekretärin. Sie hat Bücher geschrieben, geforscht, gelehrt, Kongresse bereist und eine Talkshow moderiert. 15 Jahre lang hat die Medienwissenschaftlerin Karriere gemacht, buchstäblich bis der Arzt kam. Die Diagnose: Burnout.

Über diese Erfahrung und den Aufenthalt in der Klinik hat die 42-Jährige ein analytisches und persönliches Buch geschrieben: „Brief an mein Leben“. Dass Meckel auch als Freundin von Anne Will bekannt ist, wird einige Leser neugierig machen. Eine große Rolle spielt es nicht.

Meckel hat in „Das Glück der Unerreichbarkeit“ (2007) noch vor Frank Schirrmacher die Tücken des Handyzeitalters und des „Multitasking“, des Alles-auf-einmal-schaffen-Wollens, beschrieben. Die moderne Welt und der ständige Stress, in der Informationsflut etwas zu verpassen, sind schwer zu meistern. Das weiß sie, aber: „Zwischen Wissen und Anwenden klafft im Leben häufig eine tiefe Kluft.“

Das Leben war für Meckel eine einzige logistische Herausforderung. Um vier Uhr nachts aufzustehen, um Mails zu schreiben – das kann nicht gesund sein. So klappt die Karrierefrau eines Tages zusammen. Der Körper rebelliert. Das Brummen kommt nicht von der Heizung, es ist in ihrem Kopf. Die Kommunikationsexpertin, die sogar an der Warteschlange an der Kasse liest, landet in einer Klinik im Allgäu beim „medizinischen Stubenarrest“. So beginnt das Buch: mit der Erfahrung, wie es ist, nichts zu tun, nichts zu hören und zu lesen.

Meckel scheute wie wohl viele Akademiker eigentlich die Welt der Selbsthilfegruppen und der Therapie, das merkt man. Das Buch zeichnet den Weg nach, auf dem sie als Patientin erkennt, was daran das Gute ist. Sie macht Yoga mit Schwester Elisabeth und lernt einiges über die wichtigen Dinge im Leben: Regelmäßigkeit, die Fähigkeit zum Trauern, keine schnellen Urteile über andere zu fällen, sein Herz zu öffnen.

Meckel arbeitet mit Fußnoten, zitiert Peter Sloterdijk und Thomas Mann, denkt über die Finanzkrise und die Schönheit des Briefeschreibens mit der Hand nach. Dass sie Wissenschaftlerin und ein sehr analytischer Mensch ist, ist oft zu spüren. Sie öffnet sich dem Leser, was berührend ist und nachdenklich stimmt. Das Leben war ihr entglitten. Und mit einem Brief an das eigene Leben endet das Buch: „Komm zurück zu mir und lass mich zu. Ich werde dich auch zulassen, denn ich vermisse dich so.“

Miriam Meckel: „Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout“, Rowohlt, Reinbek 224 S., 16,95 Euro.

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