Hamburg „Scott ist tot.“ Wenn eine solche E-Mail am Südpol ankommt, ist der Neuigkeitswert überschaubar. Der britische Polarforscher ist schließlich schon eine ganze Weile tot. Er starb 1912 in der Antarktis. Für die Glaziologin Hanna jedoch, die sich gerade auf einer wichtigen Expedition befindet, löst die Nachricht ihres Bruders eine ganze Lawine von Erinnerungen und Emotionen aus.

In eisiger Kälte spielt der Roman „Whiteout“ von der Autorin Anne von Canal. Im Niemandsland. In Rückblenden erzählt sie die Geschichte einer engen Freundschaft, immer eingestreut in die Gegenwartshandlung, in der sich alles um die Erforschung des Eises dreht und um einen tobenden Schneesturm, der das Projekt gefährdet.

Scott – das war Hannas beste Jugendfreundin Fido, die vor 20 Jahren aus heiterem Himmel und ohne ein Wort verschwand und damit alle gemeinsamen Zukunftspläne zunichte machte. Im gemeinsamen Polarforscher-Spiel übernahm Fido den undankbaren Part von Robert Falcon Scott, der im Wettlauf um das Erreichen des Südpols 35 Tage langsamer war als sein Rivale, der Norweger Roald Amundsen. Den spielte Hanna. Dritter im Bunde war ihr Bruder Jan, der sich für die Rolle von Edward Adrian Wilson entschied, der ebenfalls 1912 in der Antarktis starb.

Gemeinsam verfolgen die Geschwister gebannt das dramatische Hörspiel von der legendären Antarktis-Expedition auf dem Dual-Plattenspieler, um es anschließend nachzuspielen – möglichst originalgetreu. Der unwillige Ziegenbock des Gärtners muss herhalten und den Schlitten ziehen.

Aus dem kindlichen Spiel wurden ernsthafte Zukunftspläne. Forscher wollten sie werden, Entdecker. Doch nach dem Verschwinden von Fido gelang es nur Hanna, ihren Traum zu leben. Nun ist sie angekommen im weißen Nichts. Monatelang wurde in der weißen Ödnis ein Camp für fünf Forscher aufgebaut, um dem Eis seine Geheimnisse zu entlocken und einen 300 Meter langen Eiskern bohren zu können.

Die Hamburgerin, Jahrgang 1973, erzählt ebenso spannend wie einfühlsam und bildmächtig. White­out – der Titel des Romans – bezeichnet ein meteorologisches Phänomen in den Polarregionen, bei dem der Horizont abhanden kommt, Boden und Himmel eins werden und man das Gleichgewicht verliert. Das Bohren im Eis dient zugleich als Metapher für das Bohren in der Vergangenheit, die mehr und mehr zum zentralen Motiv wird.

Doch all das wird nicht überstrapaziert, sondern fügt sich nahtlos in eine Geschichte ein, die den Leser zunehmend gefangen nimmt. Fast meint man, die eisige Weite zu sehen, die Anne von Canal beschreibt, und die Stille zu spüren: „glatt wie Emaille“. Mit dem plötzlichen Verstummen des wummernden Generators steigt das Buch ein und mit einem grandiosen ersten Satz: „Unser Herz schlägt nicht mehr.“

Natürlich setzt es wieder ein, sonst gäbe es ja keine Geschichte. Doch der Anfang verrät viel über die Fragilität des Lebens an diesem unwirtlich-unwirklichen Ort. Ein derart extremer Ort, das er wie geschaffen ist, um sich einer extrem schmerzhaften Erinnerung zu stellen.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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