Berlin In Frankreich ist sie schon lange ein Literatur-Star: Yasmina Reza umgibt ein Glamour, der im Literaturbetrieb hierzulande völlig undenkbar wäre. Die 1959 in Paris geborene Tochter einer Ungarin und eines Iraners gilt mit Stücken wie „Kunst“ oder „Der Gott des Gemetzels“ als meistgespielte Dramatikerin der Gegenwart. Daneben spielt sie in Filmen mit, schreibt Romane und Prosatexte oder beleuchtet den inneren Zirkel der Macht wie in ihrer Reportage „Frühmorgens, abends oder nachts“ (2008) über den damaligen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy.

Eskalation

In ihrem neuen Roman führt uns Yasmina Reza erneut in die Welt des gebildeten Bürgertums, wo hinter den distinguierten Fassaden die schönsten Abgründe lauern. Die Protagonistin Elisabeth ist über sechzig, von Beruf Patentingenieurin, verheiratet mit dem Mathelehrer Pierre. Das Paar hat einen erwachsenen Sohn. Wo ist bloß ihr Leben geblieben, fragt sich Elisabeth. „Sechzig war das Alter von Eltern.“ Wehmütig schweift sie immer wieder ab in die Vergangenheit, denkt an ihre Jugendliebe Joseph, ein toller Typ, der nur leider schon über 30 Jahre tot ist.

Um etwas Schwung in ihre gediegen-langweilige Existenz zu bringen, plant Elisabeth ein Frühlingsfest, zu dem sie neben Familie, Freunden und Kollegen auch das Nachbarehepaar, die flippige Therapeutin Lydie und den melancholischen Jean-Lino einlädt. Die beiden entpuppen sich als Außenseiter in der akademisch geprägten Abendgesellschaft. Lydie hat einen Hang zur Esoterik und singt in Jazzclubs, während Jean-Lino, Sohn italienischer Einwanderer, die Niederlagen in seinem Leben kaum zählen kann.

Aber exakt für diesen unauffälligen Katzenliebhaber hegt Elisabeth uneingestandene Sympathien. Beim Abendessen kommt es zu einem furchtbaren Streit zwischen Lydie und Jean-Lino. Es geht um Bio-Hühnchen. Ein paar Stunden später steht Jean-­Lino wieder vor der Tür und gesteht, dass er Lydie gerade erwürgt hat.

Eskalierende Alltagssituationen im bürgerlichen, angeblich so toleranten Milieu sind Rezas Domäne. Auch wenn uns diese Neurosenkriege schon sehr bekannt vorkommen, ist es doch wieder erstaunlich, wie treffsicher und stimmig die Autorin die verletzten Befindlichkeiten ihrer Figuren auf den Punkt bringt. Da sitzt jeder Satz, die Bonmots funkeln, die Dialoge sind in ihrer Lakonie kaum zu überbieten. Yasmina Reza hat eine perfekte Erzählmaschine konstruiert, aber man sollte sich von dieser Virtuosität nicht blenden lassen.

Verwerfungen

Unter dem schönen Glanz dieser sehr gut lesbaren Prosa gibt es Verwerfungen zu entdecken. Die hypersensible Elisabeth dient dafür als Seismograph. Sie fragt sich zwischen fettarmen Chips und Rohkost-Snacks, warum keiner ihrer Freunde mehr linke Positionen vertritt. Stattdessen reden sie neuerdings über Gott, und dies im ehedem stolzen laizistischen Frankreich. Elisabeth macht „die seelische Erschöpfung der Franzosen“ zu schaffen. Alle haben nur noch Angst, ihren hart erkämpften Wohlstand einzubüßen.

Die zweite Hälfte des Romans spielt fast durchgehend im Treppenhaus. Da sitzt Elisabeth mit dem verdatterten Jean-Lino um drei Uhr nachts vor dem Aufzug. Vor ihnen steht ein großer altmodischer Stoffkoffer, in den die beiden die leider zu Tode gekommene Lydie hineinbugsiert haben. Ein Trauerspiel mit komischem Anstrich. Lange bekommen sie den Koffer nicht zu. Aber Elisabeth ist voll bei der Sache: „Ich war ganz schön stolz, wie kaltblütig ich war.“ Für sie kommt das nachbarliche Ehedrama gerade recht: Endlich einmal ein Abenteuer, das sie aus ihrem öden Alltag reißt. Den Rest regelt dann die Polizei.

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