Berlin Der Mann, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Skizzen- und Notizbüchern seine Wanderungen und Fahrten durch die Mark Brandenburg unternimmt, berichtete auch über die Eröffnung der Londoner U-Bahn, Debatten über das Frauenwahlrecht, die britischen Kolonialkriege und den amerikanischen Bürgerkrieg. Dieser Weitblick des Journalisten und Romanciers Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag am 30. Dezember 2019 gefeiert wird, ermöglichte ihm, sein Verständnis von Heimat zu weiten.

Korrespondent

Diesen „modernen Fontane“ porträtiert der Potsdamer Historiker und Literaturwissenschaftler Iwan-Michelangelo D’Aprile in der kritisch-differenzierten Biografie „Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung“. D’Aprile stellt unter anderem den gelernten Apotheker aus Neuruppin als „Apotheker auf der Flucht“ vor, den „Revolutionär“ und Konservativen wie auch den Kulturjournalisten, Medienbeobachter und leidenschaftlichen „Zeitungsmenschen“, den Zeitkritiker und schließlich im Alter den „Romancier der Hauptstadt“.

Parteipolitisch hat sich Fontane allerdings nie richtig positionieren wollen, was ihm auch den Ruf eines „unsicheren Kantonisten“ eingetragen hat, er war weder echter Konservativer noch feuriger Liberaler, er pflegte demokratische Anschauungen ohne Parteizugehörigkeit mit einem „heiteren Darüberstehen“ („Was soll der Unsinn?“).

Schon bald nach seinem Tod 1898 wurde der Autor von „Effi Briest“ von Zeitgenossen neben Gottfried Keller oder Theodor Storm als wichtigster Begründer des realistischen Gesellschaftsromans im deutschen Sprachraum gewürdigt.

Der Umgang der Gesellschaft mit Normverstößen ist ein häufiges Thema Fontanes. „Mich ekelt, was ich gethan“, sagt die Ehebrecherin Effi Briest, „aber was mich noch mehr ekelt, ist eure Tugend“. Das reizte auch Gustaf Gründgens und Rainer Werner Fassbinder in ihren Verfilmungen.

Die jetzt erschienene Biografie verdeutlicht als kleine Kulturgeschichte, wie sehr Fontanes Leben und Werk mit der lebendigen Literatur-, Alltags-, Kneipen- und Künstlerszene in Berlin, Leipzig und Dresden verbunden war. Dazu gehört auch die rasante Technik- und Kommunikationsentwicklung des Eisenbahn- und Telegrafenzeitalters im 19. Jahrhundert sowie des beginnende Massentourismus. Schon 1844 nahm Fontane an einer der ersten touristisch organisierten Reisen nach London teil. Bemerkenswerterweise trug das „Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt“ den Titel „Eisenbahn“, in dem auch viele Fontane-Artikel erschienen, wie überhaupt die meisten Werke Fontanes zunächst in Zeitungen und Zeitschriften als Fortsetzungen erschienen, die danach veröffentlichten Bücher waren eher „Zweitverwertung“.

In London war Fontane vor allem als Zeitungskorrespondent und Pressemitarbeiter des preußischen Botschafters tätig, was ihm damals auch den Ruf als „Regierungs-Schweinehund“ und „Agenten Preußens“ eintrug. Über zwölf Jahre lang schrieb er auch „Kriegsbücher“ vom Deutsch-Dänischen Krieg 1864, vom Preußisch-Österreichischen Krieg (Deutscher Krieg 1866) und vom Krieg gegen Frankreich (1870/71), bei dem der Schriftsteller und Reporter mit französischen Wurzeln als Spion verdächtigt wurde und sogar in Gefangenschaft geriet.

„Schweinedeutsch“

Als leidenschaftlicher Zeitungsleser verfolgte Fontane enthusiastisch die Entwicklung der Reichshauptstadt auch als Pressemetropole. Seine Begeisterung stand nach Ansicht von D’Aprile im Kontrast zu damaligen kulturpessimistischen Tönen über die Massenpresse, deren „Zeitungsdeutsch“ oftmals als „Schweinedeutsch“ beschimpft wurde.

Der Überlieferung zufolge ist Fontane mit der Zeitung in der Hand gestorben – am 20. September 1898.

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