Oldenburg /Wilhelmshaven Natur pur sind Salzwiesen für viele. Dabei weideten jahrhundertelang Kühe auf der Heimat von Queller und Strandflieder, wie Privatdozent Dr. Holger Freund berichtet.

Die noch heute gut sichtbaren, geraden Entwässerungsgräben zeugen davon. „In den niedersächsischen Salzwiesen darf die Natur erst Natur sein seit das Gebiet zum Nationalpark Wattenmeer gehört. In den 2000 Jahren zuvor wurden sie auch als Weideland genutzt, gemäht und Menschen siedelten darauf“, berichtet der Leiter der Arbeitsgruppe Geoökologie an der Uni Oldenburg.

So sei der Meeresspiegel um Christi Geburt und kurz vor Beginn des Mittelalters jeweils so niedrig gewesen, dass die Salzwiesen selten überschwemmt wurden und Menschen dort ihre Höfe bauten. „Als der Meeresspiegel wieder stieg, hatten die Bewohner drei Möglichkeiten: aussterben, abwandern oder sich anpassen. Da die Friesen für ihre Ortsverbundenheit bekannt sind, passten sie sich an und bauten ihre Häuser auf Wurten“, so Holger Freund.

Rückkehr typischer Arten

Seit dem 12. Jahrhundert setzten die Küstenbewohner auf Deichbau. Die Salzwiesen vor dem Deich wurden weiter landwirtschaftlich genutzt. „Als ich in den 1980er Jahren das erste Mal als Student nach Cäciliengroden kam, herrschten in der Salzwiese vor allem grasartige Pflanzen vor. Die Portulak-Keilmelde wuchs nur am Rand der Gräben, wo die Kühe nicht hinkamen. Strandflieder konnten wir damals keinen entdecken“, erinnert sich Holger Freund. Heute sind beide Arten in dem gesamten Areal anzutreffen.

„Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich mich einmal mit Ökosystemen der Küste beschäftigen würde, hätte ich geantwortet: Nie und nimmer!“, schmunzelt der Wissenschaftler. Denn als Student der Geografie mit den Schwerpunkten Botanik und Geologie – „heute würde man wohl Landschaftsökologie dazu sagen“ – befasste er sich vor allem mit der Entstehung von Wäldern. „Mein Steckenpferd war allerdings schon immer die Entstehung von Landschaften und welche Rolle natürliche Faktoren, wie das Klima oder der Boden, sowie der Mensch dabei spielen“, sagt Freund.

Näher mit der Küste kam er durch eine Stelle nach der Promotion in Kontakt. In Wilhelmshaven untersuchte er die Waldentwicklung im Küstenbereich. „Als meine Kollegen und Freunde in Münster hörten, dass ich mit Familie nach Jever ziehen will, schüttelten sie nur den Kopf und sagten: Bist du bescheuert?! Die sind doch alle so stur da! Das Ende vom Lied war, dass wir es nirgends so toll fanden wie in Jever. Die Leute sind so aufgeschlossen und hilfsbereit“, findet Holger Freund.

Später untersuchte er für das Geologische Landesamt in Hannover Inseln und Nordseeküste. „Da war es um mich geschehen. Wo hat man sonst so eine dynamische Landschaft? Jede Ebbe und Flut bringt eine Veränderung. Dass die Salzwiesen seit Gründung des Nationalparks kaum noch landwirtschaftlich genutzt werden, führt dazu, dass sich einige Pflanzenarten ausbreiten, während andere zurückgedrängt werden. Es ist ein unglaublich spannender Lebensraum“, stellt Holger Freund fest. Ein Lebensraum, den er seit 2004 als Privatdozent am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg in Wilhelmshaven erforscht.

Vielfalt auf Zentimetern

Zu dessen Vielfalt tragen auch menschliche Eingriffe vergangener Tage bei. So wurde der Aushub der Entwässerungsgräben direkt daneben abgeladen. Reste davon sind heute noch vorhanden. Da diese „Wälle“ seltener überflutet werden als die Umgebung, wachsen hier Pflanzen, die für die obere Salzwiese typisch sind – auch wenn die Stellen eigentlich im Bereich der unteren oder mittleren Salzwiese liegen. „Hier findet man innerhalb weniger Zentimeter ganz unterschiedliche Pflanzengesellschaften. In den Alpen muss man dafür hunderte Meter den Berg raufkraxeln“, erklärt Freund.

Neben der Erforschung dieses fragilen Ökosystems setzt sich Holger Freund als erster Vorsitzender des Mellumrates auch für dessen Schutz ein. Dem Mellumrat wurde vom Nationalpark an der Küste die Betreuung der Inseln Mellum, Minsener Oog und Wangerooge übertragen. Naturschutzwarte zählen dort Vögel, betreiben Müllmonitoring, kartieren Pflanzen und Tiere und informieren Touristen. „Das ist gelebte Naturschutzarbeit. Schließlich besteht das Leben nicht nur aus Forschung.“

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