Leer „Auf der Alexander von Humboldt wollte ich schon mitsegeln, als ich noch zur Schule gegangen bin. Leider lagen die Ferientermine nie passend“, erzählt Swana Kißmann. Inzwischen hat die Nautikstudentin mehr als ein Jahr an Bord von Frachtschiffen verbracht. Dabei sah sie zu Schulzeiten in Nordrhein-Westfalen und Hessen die Marine als einzige Möglichkeit, ihre Liebe zur See beruflich auszuleben. Aber Soldatin wollte sie eigentlich nicht werden.

Ein Geburtstagsgeschenk für ihre Oma brachte die Lösung: „Sie hatte sich eine Rundfahrt zu den Seehundsbänken gewünscht. Als wir wieder anlegten, fragte ich den Steuermann, wo er seine Ausbildung gemacht habe. An der Seefahrtsschule in Leer, antwortete er“, berichtet die 23-Jährige. Kaum zu Hause, informierte sie sich über den Studiengang Nautik an der Hochschule Emden/Leer und bewarb sich auch gleich bei Reedereien für das erste Praktikumssemester – trotz anfänglicher Bedenken ihrer Mutter. „Sie machte sich Sorgen um ihr kleines Mädchen unter all den Osteuropäern. Anscheinend hatte sie irgendwelche Horrorgeschichten gehört“, grinst Swana Kißmann.

Sehr menschlich

Wenig später geht sie das erste Mal für sechs Monate an Bord. Warteten dort Horrorgeschichten? „Überhaupt nicht. Seeleute sind wie andere Menschen auch. Mit manchen versteht man sich nicht gut, mit anderen läuft es super. Wir haben tolle Gespräche über alles Mögliche geführt. Zu einigen habe ich immer noch Kontakt.“ Und wie ist es so als nautische Offiziersanwärterin in einer Männerdomäne? „Jeder Neue an Bord muss sich erst mal beweisen. Als Frau ist das leider dreimal so hart“, sagt die Studentin. „Toll ist es, wenn wir an Bord zusammensitzen, uns unterhalten und irgendwann auch über Frauen geredet wird und es lange dauert bis einer merkt: Hey, Swana ist ja da. Dann bin ich einfach ein Teil der Mannschaft und das Geschlecht ist egal.“

Bis es so weit ist, muss die junge Frau jedoch manchmal Hindernisse überwinden: „Ein Maschinist hat überhaupt nicht mit mir gesprochen. Später habe ich erfahren, dass er fand: Frauen an Bord bringen Unglück – wie im Mittelalter. Oder der Chief Mate auf meiner ersten Fahrt sagte anfangs immer: Richtige Kadetten würden das jetzt so und so machen. Irgendwann habe ich mich getraut zu fragen: Wie machen es denn richtige Kadetten? Als keine Antwort kam, sagte ich: Gut, ich werde morgen um 8 Uhr mit der Mannschaft Rost klopfen. Er wiegelte ab, aber von da an habe ich vormittags mit der Mannschaft gearbeitet und nachmittags navigieren gelernt – der Erste Offizier und ich sind dann echt gut miteinander ausgekommen.“

Das ist viel wert, denn schließlich sitzen die 14 bis 20 Seeleute monatelang im selben Boot. „Man kann sich nicht aus dem Weg gehen und hat praktisch keine Privatsphäre. Die Arbeit ist hart und es gibt eigentlich keinen Feierabend. Legt das Schiff beispielsweise nach Wachende an oder ab oder gibt es ein Problem, müssen alle mit anpacken“, berichtet Swana Kißmann. Trotzdem ist sie mit Leidenschaft dabei: „Ich freue mich immer, wenn ich wieder an Bord gehen kann. Das Leben dort ist auf das Wesentliche reduziert. Ich kann für sechs Monate einen Koffer mitnehmen. Da muss ich mich morgens nicht fragen, was ich anziehe. Und man erfährt die Natur ganz anders: Die Sternenhimmel auf See sind unvergleichlich und das Meer zeigt dir jeden Tag, dass es stärker ist. Man sieht unglaublich viel von der Welt, lernt verschiedene Sprachen und Kulturen kennen und kein Tag ist wie der andere. Das Wetter ist anders, die Ladung, das Schiff, die Besatzung.“

Ziegen als Rettung

In ihrem zweiten Praxissemester konnte Swana Kißmann das länger genießen als erwartet, es dauerte acht an- stelle der geplanten sechs Monate. „Ich konnte wegen Corona nicht eher abmustern. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Problematisch war aber, dass wir in einigen Häfen keine Lebensmittel bekommen haben. Im Jemen konnten wir glücklicherweise ziemlich viele Fische fangen, während wir vor dem Hafen auf Reede lagen. In Myanmar haben Matrosen leere Ölfässer gegen zwei lebendige Ziegen getauscht. Als wir in Korea ankamen, sagte mir der Koch, dass uns ohne die Fische und die Ziegen das Essen ausgegangen wäre.“ Noch mal gut gegangen. Und Swana Kißmann ist ihrem Ziel, als Kapitänin auf einem Frachtschiff zu fahren, einen Schritt nähergekommen.

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