Betrifft: „Lob des Zweifels – Die Debatte um das Klima hat religiöse Züge – Zeit für aufgeklärte Zweifler“, Essay von Alexander Will, Meinung, 29. Juni

Eigentlich darf man jemanden, der sich in der Tradition von Descartes sieht, ja gar nicht kritisieren: Aber auch der war nicht frei von Irrtümern, zum Beispiel hat er die Gravitationstheorie negiert und wurde später von der Newton’schen Physik korrigiert. Wie steht es nun mit Alexander Will? Die Verbrennung fossiler Bodenschätze mag er noch als Ursache für die Erderwärmung akzeptieren – dabei ist der Treibhauseffekt ein physikalischer Effekt, quantitativ dargestellt 1896 von Arrhenius – darüber kann man ernsthaft nicht diskutieren. Auf Initiative von Keeling wurden seit 1956 eine Reihe weltweiter Messstationen aufgebaut, die die CO2 -Aufladung durch die Industrialisierung haarklein dokumentieren. (...)

Stattdessen werden wandernde Pole, Abholzung der Regenwälder und wuchernde Millionenstädte als mögliche Ursachen bemüht. Zum ersten Punkt ist im Internet nichts Handfestes zu recherchieren, es scheint eher ein esoterisches Thema zu sein. Die Regenwälder abgeholzt und Millionenstädte gebaut – das hat nun allerdings der Mensch getan, und das bezeichnet die Klimawissenschaft als anthropogenen Klimawandel. Der Regenwald wird brandgerodet, Massen von CO2 entstehen dabei, und für die Zukunft wichtige CO2-Senken werden unwiederbringlich vernichtet. Die „wuchernden Millionenstädte“ brauchen natürlich Energie, und zwar mehr als ländliche Strukturen, durch Bau, Infrastruktur, Verkehr und Betrieb.

Der Mensch hat u. a. dadurch das Klima angeheizt (wir erleben es gerade wieder tagtäglich), und es geht darum, diesen menschengemachten Einfluss wieder zurückzudrehen! (...)

Es ist intellektuell unredlich, diese wesentlichen Tatsachen zum Klimawandel zu unterschlagen. (...)

Hanspeter Boss
Varel

Es war schön, diesen Beitrag zu lesen. Hob er sich doch erfreulich von dem ab, was üblicherweise propagiert wird. Sachlich, neutral, wissenschaftliche Studien voraussetzend. Kein Pathos a la Grüne, in zwölf Jahren geht die Welt unter. Waren es nicht die Maya’s, die mit ihrem 1000-jährigen Kalender den Weltuntergang im Millennium-Jahr prophezeiten? Siehe da, wir existieren immer noch. Jetzt kommen die Grünen und prophezeien uns den Untergang in knapp zwölf Jahren. Warum dann in die Ferne schweifen und hellseherisch Planungen für das Jahr 2040 machen, wie es ein Christian Wulff neuerdings aus der Versenkung heraus tat? Ihren Autor Alexander Will lese ich immer gerne. Auch ich bin nicht immer seiner Meinung. Das muss ich auch nicht. Wäre es nämlich anders, wäre es langweilig. Ihn mit Schimpf und Schande zu überziehen, weil er unbeliebte Meinungen äußert, (...) ist für mich ein Zeichen mangelnder Akzeptanz und Kritikfähigkeit. Ein Mehr an solchen Artikeln würde ich mir wünschen.

Lars Hellwig
Varel

Herr Will lobt den Zweifel. Tatsächlich ist, was er verherrlicht, schlichte Ignoranz. Die wissenschaftlichen Belege sind überwältigend, wer sie nicht sehen kann, dem vernebelt die eigene Ideologie den Blick und den Verstand. Weil bei Herrn Will nicht sein kann, was nicht sein darf, braucht sich auch nichts zu ändern. Was werden Sie Ihren Kindern sagen? Dass Sie noch Zweifel hatten?

Monika Wegener
Oldenburg

Herr Will lobt in seinem Essay die Zweifler und hält sich selbst für einen. Da macht er meines Erachtens einen Fehler: nicht, dass er die Zweifler lobt, sondern, dass er sich für einen hält, sogar für einen „aufgeklärten“, mit seiner: „Da ist doch kein Problem!“ Haltung. Es sind doch diejenigen die Zweifler, die vor den Folgen der menschengemachten Klimaveränderungen warnen, und hinterfragen, ob die Art und Weise, wie wir leben und wie wir mit unserem Planeten umgehen, so weitergehen sollte.

Während wir noch vor wenigen Jahren „eine offene Diskussion über ... Erkenntnisse zum Klima“ führten, besteht heute in der Wissenschaft Einigkeit über die Zusammenhänge zwischen unserer Lebensweise und der Klimaveränderung. Menschen wie Herr Will, die diese Fakten immer noch bestreiten, sind Leugner und nicht Zweifler.

Seine Sorge, ob wir nach dem Kohle- und Atomausstieg noch genug Strom haben, führt er darauf zurück, dass heute ideologische Überzeugung vor Sachkenntnis rangiere. Wer hat denn diese Sachkenntnis? Herr Will, seines Zeichens studierter Historiker, oder die Wissenschaftler (...). Wer ist hier der Ideologe?

„Warum setzen wir nicht auf die Atomkraft?“ Haben die Erfahrungen in der Vergangenheit nicht gezeigt, dass ungefähr alle 25 Jahre ein Super- Gau stattfindet (Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima). (...)

„Zweifel gilt heute fast schon als Verbrechen“? Immer mehr Leute halten das Verleugnen von Fakten für ein Verbrechen an der Zukunft. Sie zweifeln an unserer bisherigen Lebensweise und äußern diese Zweifel. So haben sie bewirkt, dass wir uns auf einen Abschied von Kohle und Atom geeinigt haben (...). Ja, Herr Will: ein Lob den Zweiflern!

Oliver Herbolzheimer
Oldenburg

Endlich wird mal das Zweifeln erhoben.

Nicht nur ich zweifele seit Jahrzehnten daran, dass ein ewiges Wirtschaftswachstum gut für die Zukunft ist. Unser Lebensstandard ist nicht mehr Wohlstand sondern Ausbeutung der Erde.

So zweifel ich, abgesehen vom extremen Risiko, an der Wirtschaftlichkeit der von Herrn Will hochgelobten Atomkraft. Werden alle Kosten einbezogen, ist es ein Minusgeschäft. Wenn zum Beispiel Plutonium 239 für seine Halbwertzeit von 24 110 Jahren in nur einem Endlager, von einer Person mit einem 1-Euro-Job bewacht wird, kommen 211 203 600€ heraus. Ich bezweifle, dass die Rücklagen der Betreiber dafür jemals ausreichen. Das werden wohl unsere Nachfahren stemmen müssen. Wenn die Jugend angesichts solcher Zustände an unseren guten Absichten, bezüglich ihrer Zukunft, zu zweifeln beginnt, kann ich das gut verstehen. Was ich allerdings bezweifele, ist, dass Herr Will jemals an unserem System der Zerstörung zweifeln wird.

Schade, dass er zweifeln nur durch seine Brille sieht und sich „seiner Überzeugung sicher“ ist.

Heiko Wilde
Varel

Der Essay von Herrn Will vom 29.6.19 ist hervorragend recherchiert. Er legt offen das Dilemma der Windenergieerzeugung heraus: für 2,3 Prozent der bundesdeutschen Energieerzeugung müllen wir die Landschaft voll, ohne großen Nutzen für den Otto Normalverbraucher. Strom aus Wind- oder Sonnenenergie ist eben lange nicht immer vorhanden. (...) Zum Beispiel die Erde dreht sich nun mal im 24-Stunden-Rhythmus, also gibt es nachts keinen Sonnenstrom. Und wenn der Wind wenig weht, schaffen alle circa 30 000 Windräder Deutschlands gerade mal Null bis zwei Gigawatt (GW) (bei 70 GW mittlerer Maximal-Bedarf der Bundesrepublik Deutschland im April 2019). Wir brauchen aber immer mindestens 30-40 GW, dauernd, Tag und Nacht, nicht eine Sekunde darf Strom fehlen oder zu viel sein. Wir behelfen uns damit, dass wir konstant grundlastfähige Kraftwerke im Leerlauf mitlaufen lassen, um bei Bedarf schnell die fehlende Leistung liefern zu können. Speicher gibt es nur in Mikromengen: Alle deutschen Talsperren wären nach 23 Minuten leer, wenn der ganze BRD-Strom allein aus unseren Talsperren gespeist würde. Groß-Speichermöglichkeiten gibt es nur über die Power-to-Gas-Schiene. Aber die hat, physikalisch bedingt, nur 25 Prozent Wirkungsgrad. Beim heutigen Strompreis von circa zehn Cent/kWh Windstrom-Subventionspreis wären das 40 Cent/kWh netto plus circa acht Cent Mehrwertsteuer plus die bisherigen „Nebenkosten“ von circa 21,5 Cent/kWh ergeben weit mehr als das doppelte des jetzigen Strompreises. Dann können viele Betriebe dichtmachen und wir hätten wieder viele Arbeitslose. Wollen wir das in Kauf nehmen? Nur weil wir das Klima schonen wollen? (...)

Lothar W. Meyer
Stenum

Nun muss ich mich einmal äußern zu Ihrem Essay:

Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zwischen Zweiflern und Leugnern. Dass die Menschheit langsam aber sicher die Erde und somit die Grundlage allen Lebens zerstört, ist doch unbestritten – nicht zufällig versucht doch die NWZ, die Lesenden zu unterstützen, wenigstens etwas gegen das Insektensterben zu unternehmen. Die Durchschnittstemperatur steigt, die Gletscher schmelzen, der CO2-Ausstoß nimmt weiter zu, die Arten sterben (unwiderruflich) aus, der Ozeanspiegel steigt, Plastikmüll im Meer und überall (...).

Dass es keine einfachen Lösungen gibt, ist klar – da müssen die Experten und Wissenschaftler, die sich auskennen, Vorschläge machen, was sie auch tun. Dass es so nicht weitergehen kann mit dem ewigen Wachstum, sagt einem doch der gesunde Menschenverstand. Wir alle (und vor allem die Industrienationen) beuten die Erde aus. Ausbaden müssen das unsere Kinder und Enkel – und deshalb gehen manche von ihnen auf die Straße.

Verzicht tut weh und Veränderungen können Ängste auslösen. Und natürlich kann man sagen „Was nützt es denn, wenn ich als Individuum oder wir als Nation etwas tun, wenn alle anderen es nicht tun?“ – aber irgendwer muss doch anfangen! (...)

Elisabeth Bensiek
Oldenburg

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Essay über die Debatte um die religiösen Züge der augenblicklichen Klimadiskussion! Dabei brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, auf welche Art von Schmährufen Sie sich nun einstellen können: Vom ewig Gestrigen, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat, ja sie sogar leugnet, bis zum Rechtspopulisten wird hier alles dabei sein. Meine Generation hat sich in den 60er Jahren ebenso heftig mit den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandergesetzt, allerdings grundlegend unterschiedlich in Inhalt und Form der Diskussion.

Damals war es eher die studentische Generation, die ihre Anliegen in den Hörsälen und in wenigen Großstädten artikulierte. Inhaltlich jedoch hat sie sich prinzipiell unterschieden: Der aufklärerische Gedanke, verbunden mit Ideologiekritik war der Leitfaden dieser Diskussion. Genau hierin liegt der Unterschied zur heutigen „Bewegung“: Diejenigen, die heute als scheinbar informierte, aufgeklärte und sich für die Zukunft verantwortlich wähnende Aktivisten so lautstark den Ton angeben, sind sich wohl gar nicht bewusst, welcher Ideologie sie verfallen sind! (...)

Das jährlich neue Smartphone in der einen und der Coffee-to-go-Becher in der anderen Hand lassen überdies Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Protests aufkommen. Stattdessen halte ich es für besser, in die Schule zu gehen und von Lehrern unterrichtet zu werden, die in Ihrem Sinne, Herr Will, aufgeklärte Zweifler sind und unserer Jugend Wege aufweisen, wie man sein Leben umwelt- und vor allem ressourcenschonend gestalten kann.

Peter Frühauf
Wiesmoor

Was für eine korrekte Ermahnung. Zweifel, Skepsis, Vernunft als Elemente der Aufklärung sollten im politischen Denken und Handeln eine Rolle spielen. Descartes ist auch heute noch kein schlechter Ratgeber. Er hat nicht gesagt „ich glaube, also bin ich“, sondern „ich denke, also bin ich“. (...) Sollten wir uns in der Umweltdebatte nicht von den Extremen des Weltuntergangs ebenso fernhalten wie von den Leugnern? Steht es der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht an, erst nachzudenken und dann zu handeln. Müssen wir nicht stärker auf die Wissenschaft hören, die Fakten, Probleme und auch Lösungen analysiert? Der Philosoph Paul Feyerabend hat bei der Suche nach Vielfalt in der Forschung gesagt: „Anything goes“. Damit soll nicht einem Chaos beliebiger Vorschläge durch Zuruf oder Emotionen unter Verzicht auf Genauigkeit gemeint sein, sondern der Gebrauch von Vernunft und Logik ohne Scheuklappen und sorgfältige Prüfung. Realismus ist gefragt und Suche nach praktikablen Lösungen statt moralischer Appelle. Das bedeutet aber auch Verzicht auf Parteipolitik und Ideologie. Genauigkeit erfordert Einbeziehung aller Faktoren wie Arbeitsplatzverluste, internationale Zusammenarbeit, Kosten-Nutzen-Analysen, nationale Empfindlichkeiten etc. Skepsis erfordert auch, dass man die Grenzen menschlichen Wissens und Handelns klar benennt. Wünschenswert wäre allerdings, dass nach entsprechender Prüfung auch, wenigstens in kleinen Schritten, gehandelt wird.

Prof. Dr. Jörg O. Wolff
Oldenburg

Als die ersten Forscher behaupteten, dass Rauchen schädlich ist, wurde gezweifelt.

Als weitere Forscher behaupteten, dass Rauchen schädlich ist, wurde weiter gezweifelt.

Als es bewiesen war, dass Rauchen schädlich ist, wurde von den Tabakfirmen immer noch gezweifelt.

Es gibt immer noch Menschen, die bezweifeln, dass Rauchen schädlich ist – sie werden aber zum Glück nicht mehr ernst genommen.

Zweifel ist gut, aber man muss sich auch von Fakten überzeugen lassen.

Dr. Tholo Gronow
Oldenburg

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