ALTENESCH „Ich hab’ mich nie geschminkt.“ Wilma Pfeiff verrät ihr Rezept dafür, dass man ihr ihr Alter nicht ansieht: Sie wird am 11. August 105 Jahre alt. „Meine Schwester sah viel früher alt aus.“ Es ist gerade mal zwei Jahre her, da hat sich Wilma Pfeiff ihre langen Zöpfe abschneiden lassen, die ihr bis dahin bis über den ganzen Rücken reichten. Die Haare wurden dünner, erzählt sie. „Dann mussten sie ab.“

Wilma Pfeiff wurde in Riga in Lettland geboren. Den Ersten Weltkrieg hat sie in Russland in einer Stadt an der Wolga erlebt. Dort musste ihr Vater in einer Maschinenfabrik arbeiten. Sie hingegen durfte Kühe hüten und lernte fließend Russisch. „Ich bin immer zu den anderen Mädchen dort gegangen und habe mit ihnen gesprochen.“ Nach dem Krieg ging es für sie zurück nach Riga. Dort heiratete sie. „Meinen Mann sollte eigentlich meine ältere Schwester heiraten, aber die wollte nicht“, erinnert sich Wilma Pfeiff. Mitspracherecht hätten die Mädchen damals bei der Wahl des Bräutigams kaum gehabt. 1929 bekam sie ihr erstes Kind, neun weitere folgten. 1939 wurde die deutschstämmige Familie ins polnische Wartheland umgesiedelt. Ihr Mann zog später in den Krieg und kehrte nicht wieder heim. Dann kam der Tag, an dem Wilma Pfeiff mit ihren zehn Kindern aus Polen flüchten musste. In offenen Waggons, eigentlich Kohlewagen, wurden die Familien eingepfercht. „Mutter war immer clever. Sie hatte eine Decke dabei“, erzählt ihr Sohn Erich Pfeiff (71). Und sein Bruder Edwin fügt hinzu: „Wir haben uns noch Stroh geholt, um uns warm zu halten.“ Die Familie strandete in Brandenburg, auf Umwegen ging es dann weiter bis nach Lemwerder. Dort lebten die Pfeiffs in den Flüchtlingsbaracken, das war 1947. „Das war eine ganz schwere Zeit“, sagt die 104-Jährige. Sie musste um ihre Kinder kämpfen, die wollte man ihr wegnehmen. „,Junge Hunde verteilt man, aber doch keine Kinder’, habe ich denen damals gesagt.“ Sie durfte die Kinder behalten, die Ältesten gingen die Lehre. „Die Kinder waren alle sehr lieb, sie haben viel geholfen“, sagt Wilma Pfeiff. Geheiratet hat sie nie wieder: „Einen Mann hätte ich finden können, aber keinen Vater für meine Kinder.“

Heute lebt sie bei Sohn Erich in Altenesch. Im Alter von 96 Jahren hat Wilma Pfeiff ein Kotelett anbrennen lassen und sich beim Lüften eine Lungenentzündung geholt. Dann haben sich ihre Kinder erst um sie gekümmert, mit 98 Jahren ist dann bei Erich Pfeiff eingezogen.

Ihre größte Leidenschaft heute: Werder Bremen. Sie liebt den Verein, fiebert bei den Spielen mit. Wilma Pfeiff freut sich über den tollen Auftritt von Mesut Özil bei der WM. „Ich halte für Deutschland die Daumen. Aber das liegt an den Schiedsrichtern, wer gewinnt.“

Anja Biewald Berne/Lemwerder / Redaktion Brake
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