Rio De Janeiro Am Abend eines aufwühlenden Tages dämmerte dem neuen Olympiasieger langsam, dass nicht alles Gold war, was in den Stunden zuvor geglänzt hatte. Christoph Harting stand im Deutschen Haus, er hatte eine Flasche Sekt in der Hand - und wollte schon gehen. Dann begann er doch noch zu reden. Und als er das Haus verließ, blieb der Eindruck, dass ihm ein paar Dinge leid taten, die diesen aus seiner Sicht sportlich so herausragenden Tag ein wenig überdeckt hatten.

Als bei der Siegerehrung die deutsche Fahne für Christoph Harting hochgezogen wurde, hatte sich der Sensationssieger im Diskuswerfen daneben benommen. Er verschränkte die Arme vor der Brust, pfiff albern vor sich hin und machte Faxen wie ein Halbstarker, der sich von Erwachsenen nichts sagen lassen will.

„Ich bin ein Mensch, der Rhythmus braucht, der Rhythmus liebt, der gute Musik über alles schätzt“, sagte Harting, und: „Es ist schwer, zur Nationalhymne zu tanzen, habe ich festgestellt.“ Aussagen wie diese und sein Verhalten zuvor irritierten selbst ihm nahe stehende Menschen wie seinen Trainer Torsten Lönnfors: „Keine Ahnung, was das sollte, ich verstehe es nicht. Christoph muss aufpassen, dass er jetzt nicht frei dreht“, sagte er der Bild-Zeitung.

Der deutsche Chef de Mission Michael Vesper bezeichnete es später als „nicht gut“, was Harting da bei der Siegerehrung gezeigt habe: „Er ist Teil unserer Mannschaft und Botschafter unseres Landes. Wenn er die Bilder anschaut, wird er das sicher einsehen.“ Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, sagte dem SID auf Anfrage allgemein, man dürfe erwarten, dass sich bei Olympia „die Athletinnen und Athleten auch als Repräsentanten unseres Landes erweisen“. Harting ist zudem Bundespolizist.

Ehe er zur obligatorischen Pressekonferenz eines Olympiasiegers musste, hatte Harting Gesten und Posen sprechen lassen. Nach seinem in der Tat sensationellen Wurf zu Diskus-Gold, mit dem er sich zum Nachfolger seines Bruders Robert kürte, versuchte er zunächst mit aufreizender Lässigkeit und irritierender Überheblichkeit, das Publikum zum Jubeln zu animieren. Er deutete an, sich wie sein Bruder das Trikot zu zerreißen - und beließ es dann doch dabei, sich in die deutsche Fahne zu hüllen.

„Hey kleiner Bruder“, schrieb Robert Harting bald danach bei Facebook, „der Generationenwechsel ist eingeleitet. Ich freue mich extrem für dich. Du hast einen klaren Harting im letzten Versuch gezeigt.“ Der „klare Harting“ im letzten Wurf war die Weltjahresbestleistung von 68,37 m, damit stellte Christoph Harting das Klassement völlig auf den Kopf. Weltmeister Piotr Malachowski aus Polen (67,55) konnte nicht mehr kontern, ihm blieb Silber.

Dass Daniel Jasinski aus Wattenscheid ebenfalls im letzten Wurf noch mal einen rausgehauen hatte und mit 67,05 m Bronze gewann, wurde durch das Verhalten von Christoph Harting zunächst ebenso überschattet wie dessen eigene grandiose Leistung. Harting riss durch sein Verhalten beinahe ein, was er sich zuvor mit den Händen aufgebaut hatte - immerhin, er bekam dann doch noch irgendwie die Kurve. Falls er jemandem auf den Fuß getreten sei: „Tut mir leid, war nicht so gemeint“, sagte er der ARD.

Im Ring war er an diesem Tag ohnehin über jeden Zweifel erhaben. „Sportlich“, schrieb sogar sein Bruder bei Facebook, „brauche ich somit nichts mehr beweisen, denn das kannst jetzt du. Nimm es mit und pflege diese Fähigkeiten. Den Diskus schenke ich dir. Respekt!“

Die sportliche Ehre der Familie war 24 Stunden nach dem Quali-Desaster von Robert wiederhergestellt, den schier unglaublichen deutschen Erfolg am frühen Morgen perfekt machte Jasinski, der sagte: „Ja Wahnsinn, ich freue mich riesig, das war der beste Wettkampf meines Lebens, auf den Punkt.“

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