London Das böse Wort bei den deutschen Leichtathleten hat neun Buchstaben und beginnt mit einem M. „Ach, Medaillen. Ich mag dieses Medaillen-Raten nicht“, sagte Chefbundestrainer Idriss Gonschinska am Tag vor dem WM-Start in London und blickte leicht genervt aus den Panorama-Fenstern im zwölften Stock des Team-Hotels in Richtung Tower-Bridge: „Wenn wir unsere Leistung bringen, dann sind wir zufrieden. Und dann müssen die anderen erstmal besser sein.“

Euphorie klingt dann doch anders. Die öffentlichen Lautmeldungen aus der Führung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes sind mit etwas gutem Willen noch in die Kategorie leiser Optimismus einzuordnen. Erfolgsgaranten vergangener Jahre wie die noch amtierende Weltmeisterin Christina Schwanitz (Babypause) oder Olympiasieger Christoph Harting (nicht qualifiziert) fehlen, andere wie Katharina Molitor, ebenfalls noch Weltmeisterin, sind formschwach.

Echte Goldkandidaten sind eigentlich nur die Speerwerfer um Olympiasieger Thomas Röhler und Senkrechtstarter Johannes Vetter, achtmal Edelmetall wie noch vor zwei Jahren in Peking ist utopisch. Es könnte nach den Schwimmern die nächste unbefriedigende WM in einer olympischen Kernsportart drohen. Und deshalb reden sie beim DLV gar nicht gerne über dieses Wort mit M - Gonschinska nicht, auch Clemens Prokop nicht.

„Ich wehre mich dagegen, dass man die sportliche Bilanz in der Auswertung der Medaillen vornimmt“, sagte der DLV-Präsident vor den letzten Weltmeisterschaften unter seiner Regie: „Die Bilanz wird aus einer Vielfalt von Aspekten gezogen, da gibt es viele, die außerhalb von Medaillen Freude bereiten.“

Nun weiß allerdings auch der so erfahrene Prokop, weiß auch Gonschinska, dass letzten Endes zumindest öffentlich in der Währung Gold-Silber-Bronze abgerechnet wird. „Wir haben ja auch durchaus einige Podestkandidaten“, sagte der Bundestrainer: „Sieben unserer Athleten sind weltweit unter den besten Drei.“

Gleich drei in der gleichen Konkurrenz. „Wir hätten nichts dagegen, drei Medaillen zu holen“, sagte Röhler, der mit der deutschen Speerwurf-Boygroup des DLV derzeit die Leichtathletik-Welt rockt. Aussichtsreich starten zudem Siebenkämpferin Carolin Schäfer sowie Zehnkämpfer Kai Kazmirek.

Diskus-Star Robert Harting ist diesmal eher Jäger und muss auf einen Patzer der Rivalen hoffen. Zumal der Berliner nach seinem Kreuzbandriss aus dem Herbst 2014 weiter Probleme mit dem Knie hat. „Diese Verletzung war schon ein großer Einschnitt. Aber wenn ich einen guten Tag habe, kann ich auch richtig stänkern“, sagte Harting dem SID: „Dann müssen die anderen Jungs auch erst einmal mit mir umgehen können.“

Läuft alles rund, dürfen vielleicht auch Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz und die 4x100-m-Staffel um Gina Lückenkemper mit einer Medaille liebäugeln - genau wie Hochspringer Mateusz Przybylko und Ex-Weltmeister David Storl, der Kugelstoßer zeigte zuletzt ansteigende Form und verbesserte sich mit 21,87 m auf Rang acht in der Welt.

Die junge Mittelstrecken-Aufsteigerin Konstanze Klosterhalfen macht Hoffnung, ist aber eher ein Versprechen für die Zukunft. „Ich glaube, die Afrikanerinnen sind superstark und nochmal eine andere Konkurrenz“, sagte die 20-Jährige: „Ich möchte nicht zu große Erwartungen schüren. Wir schauen von Lauf zu Lauf.“ Zumindest ihr WM-Abschneiden sollte nun wirklich nicht in Medaillen gemessen werden.

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