Allein in Berlin waren im November über 8.500 Traktoren in die Hauptstadt gerollt. Dazu aufgerufen hatte die Initiative „Land schafft Verbindung“, in der sich viele Tausende von Landwirten zusammengetan hatten. Wir haben mit zwei Beteiligten gesprochen.

An welchen Demos haben Sie mit Ihrem Schlepper teilgenommen?

Liesel Harms-Herrmann: Ich habe mit den Schlepper an den Demos in Oldenburg, Berlin und Bremen teilgenommen. Unser Sohn Hanke war in Oldenburg und Hamburg und jetzt in Neuenkruge.

Heino Stöver: Ich war auf allen großen Demos mit einem Schlepper dabei. Im Oktober in Oldenburg, dann im November nach Hamburg und Berlin, im Dezember nach Holland und im Januar nach Bremen.

Was war oder ist Ihre Motivation für Ihr Engagement ?

Liesel Harms-Herrmann: Unsere derzeitige Situation. Wir wollen ein Mitspracherecht und möchten mehr geachtet werden. Wir wollen keine Subventionen, sondern bessere Preise für unsere Produkte. Wir haben unseren Beruf erlernt und wir lieben unseren Beruf. Wir sind Lebensmittelproduzenten mit hohen Auflagen. Das kostet! Pflanzen vor Krankheiten schützen und Insekten schonen, das machen wir ja schon. „LAND SCHAFFT VERBINDUNG“ – nur gemeinsam sind wir Landwirte stark, weil wir alle das gleiche Ziel haben.

Heino Stöver:Ich denke, in Deutschland läuft so einiges nicht mehr rund. Angefangen bei der Autoindustrie, Klimaschutz und eben der Landwirtschaft. Jeder andere kämpft auch für seinen Arbeitsplatz und ich sehe diese Treckerdemos als legetimen Ausdruck der Unzufriedenheit über die Politik, die uns das Leben schwer macht. Mal abgesehen von dem hohen Aufwand an Bürokratie, und dass wir Landwirte auch am Klimawandel schuld sein sollen. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Die Landwirtschaft sollte nicht alleine als Sündenbock herhalten.

Wie verlief die Fahrt nach Berlin? Sind Sie selbst gefahren?

Liesel Harms-Herrmann:Von Elsfleth (Start 5.30 Uhr) ging es 13 Stunden mit Pausen bis nach Kloster Lehnin. Unterwegs Daumen hoch, winkende Kinder. Übernachtet wurde im Nachbarort. Es hatten sich Hunderte von Schleppern und Fahrern und viele Mitreisende mit Autos bei Kloster Lenihn versammelt. Am nächsten Morgen ging es um 5.30 Uhr nach Berlin. Gegen 22 Uhr waren wir wieder bei Wessel in Kloster Lehnin. Einige haben gleich den Heimweg angetreten. Mit drei Fahrzeugen aus unserem Trupp sind wir noch eine Nacht geblieben. So etwas ist anstrengend! Man muss auf den Verkehr achten und man hat Verantwortung. Am nächsten Morgen haben wir dann um 6 Uhr die Rückreise begonnen, nach 12 Stunden mit Pausen waren wir wieder Zuhause.

Heino Stöver: Die Fahrt war relativ ruhig, da wir eigentlich nur auf drei Bundestraßen unterwegs waren und in mehreren kleineren Kolonnen gefahren sind. Wir sind am Montagmorgen gegen 8 Uhr losgefahren und ca. 21.20 Uhr in Brandenburg an unserem gebuchten Hotel angekommen, ca. 60 km vor Berlin. Die Menschen vor Ort haben sich richtig gut um uns gekümmert. Am Dienstagmorgen ging es dann früh um 5 Uhr wieder rauf auf den Trecker und ab nach Berlin. Wenn man von der B 5 direkt nach Berlin rein fährt, steht man plötzlich vor der Siegessäule. Das war schon sehr ergreifend und wir hatten ein bisschen Gänsehaut. Was mich sehr beeindruckt hat, ist der Zusammenhalt unter den ganzen Bauern – egal aus welchem Teil Deutschland sie gekommen sind.

FRAGE: Gab es Reaktionen von den Verbrauchern?

Liesel Harms-Herrmann: Die Verbraucher waren überwiegend positiv eingestellt und so konnten wir einige Missverständnisse aus dem Weg räumen. Es hat Spaß gemacht, ihnen die Realität zu erläutern. Sie können es nicht wissen, aber man kann versuchen, ihnen das richtige zu vermitteln.

Heino Stöver: Die Berliner waren schon fasziniert von den vielen Schleppern, wir reden hier von ca. 15.000 Stück! So etwas hatten die bis dahin noch nicht gesehen. Ich glaube aber, dass die Mehrzahl der Menschen, die wir da getroffen und gesehen haben der Meinung war, dass unsere Aktion richtig war und sie es gut fanden.

Haben Sie den Eindruck, dass die Botschaft bei den Politikern angekommen ist?

Liesel Harms-Herrmann: Mein Eindruck ist, dass die Botschaft noch nicht angekommen ist. Wir Landwirte sind nicht an allem schuld, aber wir sollen es ausbaden. Das geht nicht!

Heino Stöver:Nein, das glaube ich nicht. Die Politik hat nicht verstanden, was wir erreichen wollen. Das sieht man alleine schon an der „Bauernmilliarde“, wie Söder das genannt hat, die wir nicht gefordert und schon gar nicht haben wollten. Wir sind nicht käuflich und wir wollen einfach nur vernünftige Rahmenbedingungen, am besten EU-weit, so dass wir mit unseren Betrieben auch ein vernünftiges Einkommen erwirtschaften können. Und dabei auch unseren Teil zum Klimaschutz beitragen können, aber nicht zum Nulltarif.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage für Ihren Betrieb?

Liesel Harms-Herrmann:Unsere derzeitige Situation ist, wie bei vielen anderen, nicht gut. Zu dem wenigen Milchgeld, den teuren Auflagen und der vielen Bürokratie kommt jetzt auch noch eine Mäuseplage. Wir können unser von den Mäusen zerfressenes Grünland nicht einfach wieder herrichten, weil Auflagen es verbieten! Wie bekommen wir Futter für unsere Tiere? Wir wissen nicht, wie lange wir den Betrieb in dieser Situation halten können. Wir mussten schon den Tierbestand herunterfahren.

Heino Stöver: Unser Betrieb wird in 10 Jahren wohl die Landwirtschaft aufgeben, da unsere Kinder beide etwas anderes machen möchten, auch auf unser Anraten hin. Wir versuchen darum, ohne größere Investitionen weiter zu wirtschaften. Denn eine gewisse Planungssicherheit seitens der Politik ist im Moment nicht gegeben.

FRAGE: Wie würden sie als Landwirtschaftsministerin in der Bundesregierung handeln?

Liesel Harms-Herrmann: Ich würde mir praktische Landwirte und landwirtschaftliche Experten mit ins Boot holen, um das gesamte Agrarpaket zu überarbeiten und bei der Düngeverordnung sofort handeln, indem ich die zurzeit falschen Nitratwerte richtigstelle. Die hohe Bürokratie für die Landwirte würde ich abbauen. Das Wohl der Tiere und die Erzeugung gesunder Lebensmittel würden bei mir auch als Landwirtschaftsministerin immer im Vordergrund stehen.

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