Köln Trostlos: Die gleichförmigen Wohnsilos am Stadtrand von Köln sind erdrückend, die verblichenen grünen Tapeten an der Wand deprimierend. Hier lebt Becker. Er arbeitet nachts als Wachmann. Also reißt ihn der Wecker nachmittags aus dem Schlaf. Sein schmuddeliges Unterhemd gibt großflächige Tattoos an Rücken und Oberarmen frei, die etwas aus seiner Vergangenheit verraten: Becker saß im Knast.

Auf Sparflamme

Dass er lebenslänglich hatte, dass er vor 18 Jahren – vielleicht bei einem missglückten Einbruch – die Frau und das Kind eines gewissen Dahlmann „weggemacht hat“ und nun versucht, sich ein neues Leben ohne Rockerbande aufzubauen, erfährt der Zuschauer häppchenweise. Der Film „Zwischen den Jahren“ von Lars Henning lässt sich Zeit. Der junge deutsche Regisseur, der mit diesem Thriller sein Spielfilmdebüt gibt, kocht quasi auf Sparflamme.

Das macht seinen Film nicht weniger spannend. Doch anders als bei vergleichbaren amerikanischen Filmen, die atemlos und mit viel Action aufs Tempo drücken, steigert Henning die Aufmerksamkeit des Zuschauers langsam. Immer wieder lenkt er ihn ab mit der realistischen Darstellung einer Vorort-Tristesse und ihrer kaputten Bewohner, die jedem Sozialdrama angemessen wäre. Sehr schwer, sehr deutsch möchte man das nennen. Dabei nimmt der Konflikt, der sich da „zwischen den Jahren“ aufbaut, das Ausmaß einer griechischen Tragödie an.

Becker – großartig gespielt von Peter Kurth, in der genau richtigen Mischung aus Aggressivität und Aufrichtigkeit – wird als geläuterter Straftäter von seinem Opfer verfolgt. Dahlmann (ebenso böse wie verletzlich: Karl Markovics) will Rache für Frau und Kind. Er fängt auch schon damit an. Man kann es ihm nicht einmal verdenken.

Eine der besten Szenen des Films ist das Zusammentreffen der beiden im China-Restaurant, wo sie einander gegenübersitzen. Der Täter bereut, auch wenn er sich keine Vergebung erhofft. Aber er hat seine Strafe abgesessen und will neu anfangen. Dahlmann lässt sich nicht besänftigen. Ihm genügt das nicht, er droht, es Becker mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Dass dieser inzwischen etwas zu verlieren hat, dafür hat Regisseur Henning gesorgt. In der Firma, in der er als Wachmann arbeitet, hat Becker die Putzfrau Rita (immer leicht mitgenommen: Catrin Striebeck) kennengelernt. Hier landen wir flugs wieder im Sozialdrama: Rita hat nicht nur einen kleinen Sohn, sie tröstet sich auch mit Schnaps über die Scheußlichkeiten des Lebens hinweg, etwa über ihren zudringlichen, schmierigen Chef, der ihr auch noch Diebstahl unterstellt.

Showdown

Übel zugerichtet landet Rita im Krankenhaus. Wir sind wieder im Thriller, und Becker gibt ihr das Versprechen: „Ich kümmer’ mich.“ Der Satz hätte selbst Clint Eastwoods Dirty Harry gut zu Gesicht gestanden und passt zum abschließenden Showdown, den Lars Henning dem Genre entsprechend inszeniert – spannend, blutig, ohne Trost. Eben ein deutscher Thriller, der einen allerdings etwas unentschieden zurücklässt.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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