Hamburg /Jade Irgendwann im Laufe einer jeden 70er-Jahre-Party kommt der Moment, da alle, wirklich alle durchdrehen und zur imaginären Hammond-Orgel greifen. Es ist der Moment, in dem „How The Gipsy Was Born“ aufgelegt wird. 8:50 Minuten lang darf dann jeder Partygast sinnieren, wie toll diese tonnenschwere, orgellastige Bluesnummer doch klingt, obwohl sie von 1971 stammt. Wie lange das her ist. Wie alt man selbst inzwischen geworden ist. Nur die Interpretin des Songs, die scheint dauerhaft jung zu bleiben.

Breites Repertoire

Dabei wird, man mag es kaum glauben, die „Gipsy“-Sängerin Inga Rumpf am 2. August runde 70 Jahre alt. Jaja, auch die Hamburgerin mit aktuellem Wohnsitz Wesermarsch schreitet auf der Zeitlinie voran, doch in und mit ihrer Musik wirkt sie ebenso alterslos wie würdevoll.

50 Jahre auf der Bühne und im Studio haben ihr große Erfolge beschert und auch Zeiten, in denen Inga Rumpf als Kassengift gehandelt wurde. Beides – Hochs wie Tiefs – hat ihre Musik geprägt, weshalb vom 1971er Dauerhit „Gipsy“ hin zum orgelfeinen „Lazy“ aus dem Jahr 2014 viele Parallelen sichtbar sind. Aber mindestens ebenso viel ist ganz anders, ganz neu.

Inga Rumpf hat ihre Karriere stets dazu genutzt, ihre (populärmusikalische) Zeit mitzuprägen. Die Tochter eines Seemanns und einer Schneiderin wuchs im Hamburger Stadtteil St. Georg auf und war mit einer Stimme gesegnet, die große Chöre dominieren konnte und harte Lederrocker weich werden ließ. „Damit kann man Geld verdienen“, erkannte sie früh, mehr als in ihrem Lehrberuf Dekorateurin.

Dazu hatte sie das Glück, ins Pop-Zeitalter der 1960er hineinzuwachsen. Und mit den vielen neuen Klängen, die es plötzlich gab, wusste Inga Rumpf bestens umzugehen: Zuerst mit poppiger Folklore bei den City Preachers (1965–1970), dann als fulminante Rock- und Bluessängerin von Frumpy (1970/71) und Atlantis (1972–1975), was ihre Popularität endgültig begründete und festigte.

Später mied sie das starre Gruppenkonzept, feiert seitdem (und bis heute) Triumphe als eine Solokünstlerin, die auch ihre heimliche Liebe öffentlich macht: Gospel und Jazz.

Selten, wenn überhaupt, hat eine Sängerin aus Deutschland eine Breite in ihrem Repertoire erreicht wie die Hamburgerin. Wobei sie in jeder Stilart authentisch ist, unverwechselbar und typisch. Inga Rumpf lässt sich von Gefühlen leiten, wenn sie ein Programm zusammenstellt. Viel hänge dabei von der aktuellen Lebenssituation ab, sagte sie vor Kurzem, „man möchte nicht mehr immer laut sein, sondern auch mal still“. Nicht zuletzt seien Blues und Gospel ohnehin Basis für alle Arten Musik bis hin zu Rock, Pop oder Jazz.

Über 50 Solo-Alben

Offen für andere Einflüsse zu sein und dennoch ihre Eigenart zu bewahren: Dieser Spagat ist der Frau, die rund 1000 Lieder selbst (oder mit dem Organisten Jean-Jacques Kravetz) komponiert hat, in ihrer langen Showlaufbahn meist gelungen.

Inga Rumpf knüpfte lose Bandformationen wie „Reality“ oder „Friends“, arbeitete mit Berühmtheiten wie Udo Lindenberg, B.B. King, Alex Conti oder Tina Turner zusammen, trat in Kirchen, Kneipen und Kulturtempeln auf, interpretierte Songs von James Brown oder Richie Havens. Sie lernte, indem sie weitermachte. Zum Altwerden blieb da keine Zeit.

Über 15 Solo-Alben und zahllose Aufnahmen mit ihren diversen Gruppen dokumentieren Inga Rumpfs einzigartige Karriere bis jetzt – eine Karriere, die ihr Titel einbrachte wie „Deutschlands beste Sängerin“, „lauteste Rockröhre“, „Grande Dame der deutschen Musikszene“ oder „Kultsängerin“.

Ihre künstlerische Fortentwicklung gestört oder gar geschadet haben solche Etiketten nicht. Im Gegenteil: Ihre aktuellen Konzerte sind voll von Bluesrock, Balladen und ganz viel Leidenschaft. Mit 70 Jahren ist Inga Rumpf besser denn je.

Klaus Fricke
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