Zürich Höchst aktuell, aber auch ein wenig blutleer ist der neue Roman von Ian Mc­Ewan. Wobei „blutleer“ sich in diesem Fall von selbst versteht. Durch Adams Adern fließt ohnehin kein Blut: Er ist ein Android, ein täuschend echt aussehender Roboter – ohne eigentliches Herz, aber mit festen Prinzipien.

Seit Frankensteins Monster in der Fiktion von Mary Shelley (1797–1851) ist viel Entwicklungszeit verstrichen – sowohl in der Realität als auch in Film und Literatur. Der britische Bestsellerautor, bekannt für seine Geschichten mit eingebautem Lesesog, setzt noch einen drauf: In „Maschinen wie ich“ gibt es gleich eine ganze Produktionsreihe künstlicher Menschen, zwölf Adams und 13 Eves. Letztere sind sofort vergriffen. Und der Autor entwirft ein London des Jahres 1982, in dem es bereits selbstfahrende Autos gibt, die Beatles – inklusive John Lennon – wiedervereint sind, die Briten den Falklandkrieg verloren haben, Margaret Thatcher nicht wiedergewählt wurde und der Mathematiker und Informatiker Alan Turing als Vater der Künstlichen Intelligenz noch lebt. Hier ist alles möglich, real ist, was gefällt.

In dieser Zeit leistet sich Charlie, ein etwas verkrachter Typ Anfang 30, von einer kleinen Erbschaft einen Adam und lädt ihn zu Hause auf. Die individuellen Charaktereigenschaften seines maschinellen Mitbewohners wählt er gemeinsam mit seiner Geliebten aus, der Nachbarin Miranda.

Mit einem Monster hat Adam nichts gemein: Er sieht gut aus, macht klaglos den Abwasch, dichtet perfekte Haikus, zitiert Shakespeare und kann sich mit dem World Wide Web verbinden. Und es gelingt ihm schon bald, den eigenen Knopf zum Ausschalten zu deaktivieren. Womit das Dilemma seinen Anfang nimmt, denn Adam ist eine Maschine mit Bewusstsein und Gefühlen. Er verliebt sich in Miranda, die in Hörweite von Charlie denn auch eine Nacht mit dem Roboter verbringt.

Die ungewöhnliche Dreiecksgeschichte wäre eigentlich schon Stoff genug, doch der 71-jährige McEwan hat zu viel Spaß am Konstruieren. Er lässt seinen Adam ebenfalls existenziellen Schrecken verbreiten: nicht mit Mordlust, sondern mit seiner Moral, die dem gelenkigen menschlichen Gewissen weit überlegen ist. Damit geraten Charlie und Miranda in einem Konflikt, der auch den Leser vor eine Entscheidung stellt.

Gut geschrieben, geschickt aufgebaut und klug durchdacht ist der Roman allemal. Aber nicht nur Adam, auch die anderen Figuren wirken zwar täuschend echt, doch farblos. Man erkennt das gelungene Konstrukt, aber nicht das Gefühl.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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