BREMEN BREMEN - Als Amelia erkennt, dass ihr Mann, der General, sie betrog und Kriegsverbrechen beging, hilft der Zufall. Sie besinnt sich eines „Anti-Gewalt-Mittels“, das ihr mal ein Chemiker schenkte. Das ersetze Aggressivität durch Sehnsucht nach Heimat, Wärme und Menschlichkeit. Also soll der General es einatmen, gesunden und sich ihr wieder zuwenden. So übersetzt der britische Dramatiker Martin Crimp den „Liebeszauber“-Mythos der Sophokles-Vorlage für sein Erfolgsstück „Sanft und grausam“, das derzeit gleich zweimal in der Region aufgeführt wird – nach Oldenburg nun auch im Bremer Schauspielhaus.

Wenn Irene Kleinschmidt, die Bremer Amelia, hoffnungsfroh über die Droge spricht, leise, stockend, anrührend, dann wird klar, dass sie von der giftigen Wirkung des Mittels nichts ahnt. Ruhe und Intimität bestimmen den Verlauf der Szene: Amelia hält die Ampulle in Händen, überreicht sie ihrem Boten in einem simplen Kopfkissen. Oldenburgs Amelia brauchte vor wenigen Tagen bei der Premiere die Hilfe dreier zickiger Girlies, um den Inhalt eines Metallkoffers in ein Deckbett zu versenken, das dann unter Slapstick-Bohei zum Riesenpaket mit Schleife umfunktioniert wurde.

Zwei Inszenierungen, zwei Konzepte: Samuel Weiss in Oldenburg setzt auf Pointierung und Action, Klaus Schumacher in Bremen auf Wort und Versenkung. Wo Weiss Sektglassplitter nutzt, um Amelias Suizid vorwegzunehmen, tröpfelt es bei Schumacher beiläufig verhalten. Wo Weiss den fast nackten General samt Blasenkatheter zu epileptischen Zuckungen auf den Boden knallen lässt, achtet Schumacher darauf, dass sein General, wenn der mal stolpert, auch ja weich landet.

Zwei Inszenierungen, die eine sanft, die andere grausam: Bei Weiss operiert man ohne Betäubung, bei Schumacher parliert man auf dem Plüschsofa – ein sehr statischer Ansatz. Welch großer Wurf mit aussagekräftigen Bildern in Oldenburg gelungen ist, erschließt sich vollends angesichts der Bremer Pendants: Die Allerweltsbühne wird bestimmt von einer abgehängten Lampendecke, von der sich laues Licht auf blasse Figuren milde ergießt.

Karten: 0421/365 33 33

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