OLDENBURG Im Psalm 119 steht: „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln!“ Bess kann nicht gut lesen, aber die Psalmen kennt sie alle auswendig. Sie sagt: „Ich verspreche, immer ein gutes Mädchen zu sein.“

Da sitzt sie am Bühnenrand, hinter ihr rauscht die Nordsee, in ihren Kopfhörern Musik. Bess’ Augen leuchten, ihr Gesicht lächelt: Bald wird sie heiraten, Jan von der Bohrinsel. Die Männer aus der Kirchengemeinde finden das nicht gut, der Pfarrer fragt: „Was haben uns die Leute von außerhalb denn jemals Gutes gebracht?“ Aber Bess strahlt, die Musik kommt doch von außerhalb! Bess heiratet ihren Jan, sie liebt ihn, sie mag ihn gar nicht mehr loslassen. „Lieber Vater, ich danke dir für das größte Geschenk von allen – für das Geschenk der Liebe“, sagt sie staunend.

Doch aus dem Off künden schwere E-Gitarren-Akkorde Unheil an. Jan muss zurück auf die Bohrinsel, und Bess betet bald: „Bitte lass’ Jan zu mir nach Hause kommen.“ Und Jan kommt, es gab einen Unfall, fortan liegt er gelähmt im Bett. Retten kann ihn nur die Erinnerung an die Liebe, sagt er; Bess müsse mit anderen Männern schlafen und ihm davon erzählen. Bess will ein gutes Mädchen sein, Jan soll gerettet werden. „Ich habe ein Talent“, sagt Bess: „Ich kann glauben.“

Mit „Breaking The Waves“ schuf der dänische Filmemacher Lars von Trier 1996 eine wuchtige Passionsgeschichte in körnigen Handkamerabildern, die ihr Publikum hilflos macht: So groß ist Bess’ Liebe, so selbstverständlich ihr Glaube an ein Wunder, dass jeder vernünftige Zweifel plötzlich falsch wirkt. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gewann der Film den Großen Preis der Jury, die Darstellerin der Bess, Emily Watson, wurde später für den Oscar nominiert.

Im Oldenburger Staatstheater macht Regisseurin Anna Bergmann gar nicht erst den Fehler, das Filmset nachzustellen. Sie verlässt sich ganz auf die Kraft der Geschichte – und auf ihre Bess, auf Rika Weniger. Kahl ist Bergmanns Bühne deshalb; eine Windmaschine ersetzt den Hubschrauber, drei Neonröhren in Reihe machen einen Krankenhausflur, vier Neonröhren im Quadrat ein Krankenzimmer. Als Dekoration für die großen Gefühle auf der Bühne lässt sie allein die kluge Musikauswahl von Heiko Schnurpel zu.

So bleibt ganz viel Platz für Rika Weniger: Ihre Bess erzählt mit jedem Augenaufschlag, jedem Lächeln, jeder Träne von der Liebe. So gut kann die Welt sein, sagt sie mit jeder Geste, wenn man nur fest genug glaubt. Diese schauspielerische Wucht reißt alle mit: Jens Ochslast als Jan, Eva-Maria Pichler als Dodo, Bernhard Hackmann als Dr. Richardson, Gaby Pochert als Mutter, Hartmut Schories als Pfarrer, Thomas Lichtenstein als Großvater, sie alle spielen in Höchstform – und bleiben doch neben dieser Bess bloße Randfiguren.

Am Ende sitzt sie wieder am Bühnenrand, nein, sie liegt da: geschlagen, geschunden, geschändet. Die Nordsee rauscht, der Song „Memories“ erinnert an früher. „Ich konnte kein gutes Mädchen sein“, sagt sie. Aber hinten im Bild, da kann ihr Jan wieder laufen.

Wenn gutes Theater Theater ist, das einen nicht loslässt, das den Blick zwei Stunden lang zur Bühne zwingt, das Herzklopfen macht und einen bis nach Hause und in den Schlaf verfolgt, dann ist „Breaking The Waves“ ein Beispiel für gutes Theater. Ach was: für allerbestes Theater!

Langer Beifall, Bravo-Rufe für Rika Weniger.

Karten: 0441/22 25 111

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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