OLDENBURG Musikschüler kennen Eselsbrücken. Um von verkürzenden Triolen zum Noten-Grundwert zu wechseln, können sie den Rhythmus mit Worten üben: „Rotterdam, Rotterdam, Ho-no-lu-lu.“ Militärische Signale lassen sich sprachlich verballhornen: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp!“ Pointierte Sprüche haben die vier Darsteller von Marc Beckers „Aus der Mitte der Gesellschaft“ im Kleinen Haus haufenweise auf Lager. Da kommen sie glatt ohne Musik zum Rhythmus aus. Auch wenn der Hausautor sein neues Stück „ein Sprachkonzert“ nennt.

Eselsbrücken und Verballhornungen benötigen Sarah Bauerett, Bernhard Hackmann, Sebastian Herrmann und Denis Larisch bei ihrer vollen Dröhnung sprachlicher Virtuosität eigentlich nicht. Doch die ganz normalen Lebensumstände lassen sie danach greifen. Ist eben verdammt durchschnittlich, ihr Leben in der Mittelschicht. In durchschnittlichen Schuhen stellen sie sich vor. Unter Fräcken und Abendkleid tragen sie durchschnittliche Unterwäsche, „aber jeden Tag frisch“, wie sie im Chor betonen. Zack! Schon haben sie die von Tragik kündenden Chöre der alten Griechen verhohnepiepelt.

Die Tragik tapst durch Hintertüren in diese aktuelle Mittelschicht hinein. Der eine „hat vergessen, dass er sich vorgenommen hat, etwas zu ändern“. Der andere würde gern die Welt reinlassen in sein Leben. Aber „eine geschlossene Tür ist besser als eine offene – es könnte immerhin Guido Westerwelle davor stehen.“ So etwas macht Angst. Aber die reicht nicht, um aus dem Durchschnitt auszubrechen: „Wenn alle etwas Besonderes wären, dann wäre das Besondere nichts Besonderes mehr.“

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den NWZ-Wirtschafts-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Folglich schreibt sich die Statistik fort. Es gibt immer mehr Reiche und immer mehr Arme, so dass sich in der Mitte der Gesellschaft „immer weniger Halbschlaue und Halbreiche“ finden. So wird es bleiben, denn: „Man gewöhnt sich mit der Zeit an sich.“ Über der Bühne (Harm Naaijer) schwebt wie ein Damoklesschwert ein Felsbrocken, ein Meteorit. Auch diese Bedrohung verblasst. Der stürzt sowieso nicht ab.

Das sprachlich bunt schillernde und vom Autor selbst inszenierte Spiel ist eher mittelständisch solide als aufgesetzt schrill. Natürlich breitet Becker eine Fülle von Banalitäten zum Zustand der Mittelschicht aus. Aber er bricht die gesellschaftliche Stagnation mit Wortwitz auf, zieht verblüffende Schlüsse und hält Spannung zwischen sprachlichem Staccato und Legato, zwischen Tutti und Soli. In solchen Momenten wird die Uraufführung sogar überdurchschnittlich gut.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.