OLDENBURG Um in seine „japanische“ Oper, die traurige Geschichte der kindlichen „Madama Butterfly“, japanische Folklore musikalisch zu integrieren, hat der Komponist Giacomo Puccini viel Aufwand betrieben – in Vorstudien wie in kompositorischer Fantasie. Davon lebt bis heute das Werk, das Regisseure verführt, „Japonismen“ jedweder Art auf die Bühne zu bringen – realistisch, stilisiert oder verkitscht.

Bei Anna Bergmann, der Regisseurin der Neuinszenierung im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters, findet man das alles nicht. Sie hat, einvernehmlich mit den Bühnen- und Kostümbildnern Susanne Schwieter und Thomas Werner, das Stück in unsere Tage verlegt, hat eine Bühnengestalt herauspräpariert, die wegstrebt von allem Beiwerk exotischer Dekoration.

Eine „Ehe auf Zeit“

Folglich fällt auch der Umgang mit Stimmungen sparsam aus. Die Aufführung zielt auf jene Tragödie, die die weibliche Hauptperson und ihre Opferrolle, ihre Blindheit gegenüber der Realität, ihr Gefangensein in Gefühlen, Wünschen und Träumen in den Mittelpunkt stellt – aber auch die Tragödie des leichtfertigen amerikanischen Marineleutnants Pinkerton, der eine „Ehe auf Zeit“ mit der Fünfzehnjährigen eingeht, gleichzeitig längst verheiratet ist.

Da bleibt vom Sentimentalen, vom sogenannten Konflikt der Kulturen, vom Porzellanpuppenhaften der Cio-Cio-San nicht viel übrig. Aber alles von einer Butterfly, deren Psychodrama sensibel und anspielungsreich, in entgrenzenden Traum-Szenen, mit dem treuherzig wirkenden Kunstgriff des Kindes als einer (geführten) Puppe (ein Sonderlob für Steffi König) entwickelt wird.

Dramaturgische Freiheiten oder Erfindungen – Onkel Bonzo zunächst verkleidet als Bär, eine Hinterglas-Vision der Kate Pinkerton als „echter Braut“, Cio-Cio-Sans „undramatischer“ Tod (ohne Griff zum Messer) – werden plausibel. Bergmanns Konzept, die Oper als zeitlosen Konflikt zwischen Anpassung und Individualität, zwischen Realität und sich verselbstständigendem Traum zu inszenieren, geht weitgehend auf.

Ein luftig-durchlässiges Haus, mit einem tannenbesetzten Garten, liefert den praktikablen, für die Hochzeitsgesellschaft im 1. Akt allerdings etwas beengten Rahmen.

Ansprechend besetzt

Irina Wischnizkaja steigert die Titelpartie zu großdimensioniertem tragischem Format, was sie auch vokal beglaubigt: mit hohem emotionalem Engagement, kraftvollem und expressivem dramatischem Ton. Alexej Kosarev, als Pinkerton vorwiegend unbekümmert-naturburschenhaft, setzt seinen nicht eben schmelzenden, aber markant und charaktervoll klingenden Tenor wirkungsvoll, gelegentlich bis zur Heftigkeit, ein.

Barbara Schmidt-Gaden gab als Suzuki, mit angenehm timbriertem Mezzosopran, ihr Oldenburger Debüt. Gewohnt zuverlässig in Diktion und Stimmklang, aber darstellerisch etwas schablonenhaft -einschichtig: Paul Brady als Konsul Sharpless und Thomas Burger als geschäftig-habgieriger Heiratsvermittler Goro. Kleinere Partien waren stimmlich durchweg sehr ansprechend besetzt: darunter Annekatrin Kupke (Kate Pinkerton), Andrey Valiguras (Bonzo), Andreas Lütje (Standesbeamter), Jong-Seong Kim (Fürst Yamadori).

Ohne Sentimentalität

Olaf Storbeck am Pult ließ, von Wacklern in Chorszenen abgesehen, viel Sorgfalt walten und trug dazu bei, das Werk auch vom Orchester her zu entsentimentalisieren. Dennoch geriet der Gesamtklang gelegentlich spröde, der Szenenfluss wenig geschmeidig. Finessen der Koloristik kamen etwas zu kurz.

Karten: 0441/222 51 11

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