Oberhausen Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen feiern Geburtstag: Seit 60 Jahren ist in der Ruhrgebietsstadt jährlich zu sehen, was die Filmlandschaft neu und aufregend machen könnte. Sechs Tage lang präsentiert das Festival in diesen Jahr 134 Beiträge, in denen Filmemacher wieder in der konzentrierten Form des Kurzfilms die Möglichkeiten des bewegten Bildes erproben. Unter den Einsendungen waren dieses Mal besonders viele mit klarer politischer Botschaft.

Atushi Funashi dokumentiert in seinem Beitrag etwa eindrucksvoll die Folgen der radioaktiven Verseuchung nach dem Fukushima-Unglück. Bei Aryan Kaganof werden Gewehrsalven und Nachrichtenbilder eines Massakers der Polizei gegen Bergarbeiter in Südafrika zu einer bedrückenden Symphonie („Threnody for the Victims of Marikana“). Der Animationsfilm „The Noise“ von Pooya Razi hinterfragt enge Gesellschaftsnormen im Iran.

„Für mich ist Oberhausen vor allem ein Festival, das zur Erneuerung des Films beiträgt“, fasst Festivalleiter Lars Henrik Gass zusammen, was aus seiner Sicht das Geschehen auf den Oberhausener Kinoleinwänden prägt. Die Kurzfilmtage wurzeln im Geist der Erwachsenenbildung: Der damalige Leiter der Volkshochschule und Kulturfunktionär Hilmar Hoffmann gründete 1954 die Westdeutschen Kulturfilmtage, die später zu den internationalen Kurzfilmtagen wurden. „Am Anfang stand der Wunsch, nach dem Dritten Reich aus den Deutschen bessere Menschen zu machen“, erläutert Gass.

Zum Bildungsauftrag etwa gehörte es schon bald, den „Weg zum Nachbarn“ zu ebnen: Eingeladen wurden viele Filmemacher jenseits des Eisernen Vorhangs. Der Pole Roman Polanski etwa oder der ungarische Oscar-Preisträger István Szabó kamen mit frühen Arbeiten nach Oberhausen.

Der erzieherische Kulturfilm der ersten Jahrzehnte ist inzwischen schon lange passé, die Internationalität ist geblieben. „Es gab immer das Bemühen, über Kultur Verständigung zu ermöglichen“, sagt Gass. So konkurrieren im diesjährigen internationalen Wettbewerb Beiträge aus 41 Ländern um den begehrten ersten Preis: Der Bengale Naeem Mohaiemen etwa spürt in „Afsan“s Long Day“ Parallelen der Linken in Bangladesch mit der deutschen Baader-Meinhof Gruppe nach; Ang Sookoon aus Singapur präsentiert „Exorcise me“, drei Minuten Bilder von grotesk-schaurigen Schülerinnen mit geschminkten Totenmasken; auffällig viele japanische Filmemacher sind vertreten.

Bis heute, so glaubt Gass, sei das Festival-Programm internationaler als andere. Was mehr zähle als Perfektion, sei der Mut zum Experiment. „Bei uns kann man nicht auf den neuen George Clooney warten, wie bei anderen Festivals. Hier geht es darum, etwas zu sehen, was zuvor noch kein Mensch gesehen hat. Von Autoren, die keiner kennt“, sagt Gass und fügt hinzu: „noch nicht, vielleicht“. Denn: „Star Wars“-Schöpfer George Lucas, Werner Herzog oder Martin Scorsese zeigten frühe Arbeiten bei den Kurzfilmtagen.

Nicht nur als Sprungbrett für Regisseure hatten die Kurzfilmtage Einfluss auf den Kinofilm: 1962 verkündeten junge Filmemacher im Oberhausener Manifest „Opas Kino ist tot“ und riefen eine neue Ära des deutschen Films nach den heimelig-harmlosen Schnulzen der Nachkriegszeit aus. Im Zuge der Frauenbewegung fanden in den 1970er Jahren auch immer mehr junge Filmemacherinnen ihre Bühne in Oberhausen. In den letzten 20 Jahren holten die Macher des Festivals schließlich die bis dato Museen vorbehaltene Videokunst ins Kino. Später öffneten sie das Fest für die Popkultur: Musikvideos bekamen ihre eigene Wettbewerbskategorie.

Die Jubiläumsausgabe wird am 1. Mai eröffnet und zeigt neben den Wettbewerbsfilmen auch zahlreiche Programme außerhalb der Konkurrenz.

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