Wilhelmshaven Da steht er, Dr. Jakob Fabian, und liest die Schlagzeilen des Tages, liest vom Schrecken auf dieser Welt. Dem tristen Alltag versucht er zu entfliehen, sucht Ablenkung in der Berliner Nachtwelt um 1930. Obwohl doch eigentlich überzeugter Moralist ist er unterwegs in Nachtclubs, Künstlerateliers, Bordellen, sucht Ablenkung vor allem beim anderen Geschlecht. Da wird geküsst, geflirtet und gefummelt, werden sich in der Horizontalen die Schatten des Alltags aus dem Leib gestöhnt.

Vor allem die erotischen Szenen waren es, die der Veröffentlichung von Erich Kästners erstem Erwachsenenroman im Wege standen. 1931 reichte der Autor das Werk bei seinem Verlag ein. Die Kritik: zu anzüglich. Kästner überarbeitete die Handlung. Das Ergebnis hieß: „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. Erst im Jahr 2013 erschien eine Rekonstruktion des Originalmanuskripts unter dem Titel: „Der Gang vor die Hunde“.

Was Kästner vor rund 90 Jahren streichen musste, haben Regisseur Tim Egloff, erstmals an der Landesbühne Niedersachsen Nord, und Dramaturgin Sibille Hüholt, im Stadttheater Wilhelmshaven auf die Bühne gebracht. Nackte Körper sind fast so etwas wie die heimlichen Hauptrollen dieses Theaterabends.

Die Geschichte bleibt weitgehend unverändert: Dr. Jakob Fabian ist studierter Germanist und Werbetexter, streift durch die Hauptstadt und muss immer wieder feststellen, dass er seinen Platz auf dieser Welt noch nicht gefunden hat. Die Weltwirtschaftskrise und die nahende Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, die Kästner fast hellsichtig beschrieben hat, überschatten das Leben. Realistisch, fast pessimistisch flaniert Fabian durch diese Welt, unterschwellig immer der Ansicht: Der Einzelne kann sie nicht besser machen. Das Gegenstück dazu ist sein bester Freund Labude, der am Ende dramatisch scheitert.

Gerade als Fabian auch mal Gutes widerfährt und er sich Hals über Kopf in Cornelia Battenberg verliebt, da bricht sein Leben wie ein Kartenhaus zusammen, da zerbricht die so hoffnungsvolle Liebesbeziehung, da begeht der beste Freund den sinnlosesten aller Selbstmorde, so dass sich der Zuschauer zwangsläufig fragen muss: Ist Optimismus fahrlässig?

Auf raffinierte Art schafft es die eigens erarbeitete Bühnenfassung, dem Erzählstil Kästners, seinen ironisch-distanzierten Beschreibungen, treu zu bleiben. Eine weitere Stärke der Inszenierung: Die Zeitlosigkeit, die dem Originaltext innewohnt, ist auch auf der Bühne des Stadttheaters deutlich zu spüren. Und zwar nicht nur, weil Bühne und Kostüme (Selina Traun) im Abstrakten bleiben, die 30er Jahre nur bei genauem Hinschauen erkennbar werden. Nein, die sozialen Missstände, das Erstarken der Rechten und das Gefühl, verloren zu sein – das erscheint genauso aktuell wie heute.

Dass sich das Publikum mit dem Geschehen auf der Bühne identifizieren möchte, das ist auch eine Leistung der ausnahmslos hervorragenden Schauspieler, allen voran Robert Zimmermann, der wohl die Idealbesetzung für den vom Leben enttäuschten Fabian ist. Zimmermann beherrscht die gesamte Klaviatur aller Gefühlsnuancen von rasender Verliebtheit über lodernde Wut bis hin zu bodenloser Traurigkeit. Ebenso überzeugend: Viktor Rabl als Labude, Leontine Vaterodt als Cornelia Battenberg sowie Ramona Marx, Aom Flury, Elena Nyffeler und Hannah Sieh.

Am Ende gibt es minutenlangen Applaus für einen Theaterabend, der unter die Haut geht.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.