FRAGE: Warum tritt man nicht von einem wichtigen Amt zurück? Weil man Angst vor der Zeit danach hat?

JÜRGS: Ja. Bei den wichtigen politischen Personen, die ich in meinem Buch beschrieben habe, darunter Rudolf Scharping, Rainer Barzel und Björn Engholm, habe ich festgestellt, dass sie sich bis zum Schluss äußerst energisch gegen einen Rücktritt oder eine Entlassung gewehrt haben. Sie hatten Angst vor dem Verlust von Macht.

FRAGE: Wie sehen Sie die Lage unseres Bundespräsidenten?

JÜRGS: Wulff begreift nicht, dass der Umgang mit dem Skandal das eigentlich Schlimme ist, nicht der Skandal selbst. Außerdem kann er sich offenbar kein anderes Leben mehr vorstellen. Der Bruch wäre für ihn zu enorm. Aber so ein Bruch entsteht eben bei jeder Niederlage im Leben!

FRAGE: Was fürchtet man bei einem Rücktritt am meisten?

JÜRGS: Den tiefen Fall in die Depression. Kaum einer begreift, wie angenehm das Leben ohne eine solche Amts-bürde sein kann.

FRAGE: Existenzängste brauchen prominente Politiker offenbar nicht zu haben?

JÜRGS: Nein, die werden schon alle ihren Hauskredit abbezahlen können. Die Finanzen interessieren die meisten gar nicht. Was denen fehlen würde, ist doch das Sozialprestige: der Fahrer, der Bodyguard, die Aufmerksamkeit, die Kameras. Insofern sind sie nicht anders als Filmstars, die nach einem großen Erfolg keine Angebote mehr bekommen. Ich habe kaum einen erlebt bei meinen Recherchen zu „Der Tag danach“, der den Rücktritt als Befreiung erlebt hat.

FRAGE: Auch später nicht?

JÜRGS: Jahre später hat bei manch einem ein Umdenken eingesetzt. Aber die meisten begreifen es nicht. Nach einem Rücktritt sollte man was Neues anfangen. Der Politiker Reinhard Klimmt hat zum Beispiel seine Bibliothek entdeckt und ist damit glücklich.

FRAGE: Der Politiker Oskar Lafontaine hat sich nicht in Bücher vertieft.

JÜRGS: Der ging den Weg der Rache. Der hat seinen schlimmen Tag 1999 erlebt. Da tat er dann so, als würde der Rücktritt nicht wehtun. Nun zeigt er allen: Ich bin wieder da! Er konnte sich nie ein Leben jenseits der Politik vorstellen – ein Problem von Alpha-Tieren.

FRAGE: Reagieren Frauen in solchen Drucksituationen anders als Männer?

JÜRGS: Nein, gerade in der Politik haben ja viele Frauen inzwischen männliche Wesenszüge angenommen, wenn man allein auf Angela Merkel guckt, die Konkurrenten wegbeißt.

FRAGE: Zurück zu Christian Wulff. Was würden Sie ihm in der jetzigen Situation raten?

JÜRGS: Den kann man nicht beraten, der ist beratungsresistent. Es ist der typische Fall, das einer an seinem wunderbaren Amt hängt. Er darf zum Emir fliegen und im Schloss wohnen! Sicher spielt auch eine Rolle die Darstellung als junges, glänzendes Polit-Paar. Wer will schon vom Schloss Bellevue ins Einfamilienhaus nach Großburgwedel umziehen?

FRAGE: Spielt die unmittelbare Umgebung eine Rolle? Die Familie? Die Gattin?

JÜRGS: Klar. Nehmen Sie nur die Ehefrau des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, die sich doch tatsächlich darüber beschwerte, dass sie nicht mehr beim Möbelhaus Ikea billig einkaufen könne! Insofern werden die Betroffenen schon zu Getriebenen.

FRAGE: 1990 wurden Sie als Chefredakteur des „Stern“ von einem Tag auf den anderen entlassen. Wie erging es Ihnen danach?

JÜRGS: Die Depression kam gewaltig. Am anderen Morgen wusste ich nicht, wohin ich wollte. Ich habe dann viele verzweifelte Versuche unternommen, den Leuten zu erklären, wie gemein man mit mir umgegangen ist. Bis ich nach Wochen merkte: Das will kein Mensch hören! Dann habe ich eine lange Reise gemacht, wurde psychosomatisch krank, schrieb einen Bestseller über Romy Schneider. Ich wollte es allen zeigen. Als man mich 1999 zum „Stern“ zurückholen wollte, habe ich abgelehnt. Da war die Wunde dann endgültig zu.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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