Oldenburg Alt zu werden, ist nichts für Angsthasen (Bangbüxen), aber die nachberufliche Lebensphase ist auch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Das ist die Botschaft der niederdeutschen Komödie „Sülver Single“, die am Sonnabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters eine viel bejubelte Premiere feierte.

Das Stück „Blütenträume“ des Erfolgsautors Lutz Hübner, ins Plattdeutsche übertragen von Michael Wempner, hat Maria-Elena Hackbarth für das Niederdeutsche Schauspiel am Staatstheater mit Mitgliedern der August-Hinrichs-Bühne stimmungsvoll in Szene gesetzt – von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, wie im richtigen Leben.

Nur ein Wolkenschieber

Im Flirtkurs 60+ treffen sich Britta (Margrit Backhus), Fiete (Norbert Pfeiffer), Else (Inge Stiewe), Frieda (Hildburg Schreyer), Gila (Erika Warncke), Julia (Manuela Simon), Thea (Waltraud Bredfeldt), August (Günter Mües), Hein (Helge Ihnen), Sönke (Walter Julius) und Ulf (Heinz Dieter Grein). Sie sind einsam und sehnen sich nach Zweisamkeit.

Doch die Coachingmethoden und Verkaufstechniken des Kursleiters Jan (Sven Brormann), eines gescheiterten Schauspielers, der es nicht zu mehr als dem Wolkenschieber im Weihnachtsmärchen gebracht hat, stoßen auf Skepsis und dann auf Ablehnung. Als das erste Speed-Dating (Flirten im Fünf-Minuten-Takt) gründlich in die Hose geht, platzt Hein der Kragen, und Jan wird vor die Tür gesetzt.

Die Alten haben keine Zeit für Fisimatenten. Mit der Band „The Blind Dates“ (Charlie Ahlers, Uwe Dieckmann, Herwig Dust, Thomas Hellmold, Hajo Kahlen und Peter Gloystein, dem Vater der Dramaturgin Gesche Gloystein) stimmt Margrit Backhus „Dat is de letzte Countdown“ an und beweist, dass sie gut bei Stimme ist. Das war eine Extraklasse für sich und schon einen Sonderapplaus wert.

Nach der Pause ist Partystimmung angesagt. Günter Mües und Waltraud Bredfeldt schlagen zunächst noch die leiseren Töne an, er mit der Mundharmonika und sie mit dem Lied „Dat du mien Leevsten büst“ – auf jeden Fall wunderschön. Hein legt zum Schlager „Motorbiene“ von Benny Quick einen schwungvollen Twist aufs Parkett – je oller, desto doller.

Große Spielfreude

Dem ausgelassenen Treiben folgen der Katzenjammer und die große Abrechnung. Es fallen deutliche Worte zum Wandel des Liebeslebens im Laufe der Jahre. Tief berührender Höhepunkt ist Friedas Schilderung, wie es ist, sechs Jahre lang einen an Alzheimer erkrankten Mann, den man mal geliebt hat, zu pflegen. Eine starke schauspielerische Leistung von Hildburg Schreyer, die einen Sonderapplaus verdient gehabt hätte.

Ein Wechselbad der Gefühle zwischen Aufbruch und Angst vor der eigenen Courage löst schließlich Gilas Vorschlag aus, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Am Ende bleiben Ulf und Frieda zurück. sie wollen zusammen bleiben – für zwei Stunden oder 20 Jahre. Ein stilles Happy End – aber das Luftballonherz scheint viel beschwingter als zu Beginn des Stücks über die Bühne zu schweben.

Das Ensemble bringt einige 100 Lebensjahre auf der Bühne – eine beachtliche Leistung. Mit ihrer großen Spielfreude nehmen die Akteure dem Alter seinen Schrecken. Alle sind sie Beweis dafür, dass Theater jung hält.

Karten: t 0441/222 51 11

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Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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