Wilhelmshaven Laufen lernt wohl jedes Kind in Wilhelmshaven am liebsten auf der Kaimauer mit den rostroten Klinkersteinen, die sich zwischen der Südstrandpromenade und dem Jadebusen entlang schlängelt. Wenn nicht gerade Ebbe herrschte, hatte ich als kleines Mädchen von da oben die beste Aussicht auf das Meer. Damals, 1997, taperte ich also dort entlang und eine steife Brise färbte meine Wangen so rot wie die Ziegel unter meinen kleinen Schuhen. Im Sommer baumelten meine Füße von der Mauer, während ich mit einem Eis in der Hand dort saß und Möwen über meinem Kopf kreisten. Öfter verweilte ich mit meinen Eltern auch unter dem Sonnenschirm vor einem der beschaulichen Hotelrestaurants, die die Promenade säumen. Noch immer muss ich lächeln bei dem Gedanken an die Gartentischdecken aus Kunststoff mit den kleinen Löchern und weißen Fransen, die meine Mutter und ich für „scheußlich“ befanden. Das Küstenidyll störten sie jedoch nicht.

Aufgewachsen, wo andere Urlaub machen – als Wilhelmshavenerin kann ich das von mir behaupten. Seit fast 25 Jahren schnuppere ich die salzige Nordseeluft, aus der sich hin und wieder auch starke Böen mit Schietwetter zusammenbrauen. Zwar zeichnete sich meine Kindheit und Jugend eher selten durch Urlaubswetter aus, dafür aber durch einige Wilhelmshavener Besonderheiten.

Untrennbar mit meiner Kindheit verbunden ist das „Göbifest“ in der Gökerstraße, in der ich bis zum Alter von sieben Jahren wohnte. Das Straßenfest mit Buden und Aktionen fand bis 2007 statt und dürfte einigen Ortskundigen noch bekannt sein. Hauptattraktion war für mich damals das Ponyreiten.

Fotos zeigen mich, wie ich stolz auf dem Rücken eines Pferdes thronte und mein Kindheitstraum vom Reiten für ein paar Minuten Wirklichkeit wurde. Meine Liebe zu Pferden ließ mit der Zeit nach, nicht aber die Liebe zum Meer.

Jahr für Jahr zog es mich zum „Wochenende an der Jade“, das traditionell immer Anfang Juli am Großen Hafen veranstaltet wird. Um imposante Segelschiffe zu bestaunen, Seeluft aufzusaugen und ein leckeres Krabbenbrötchen zu essen, musste ich nie weite Wege zurücklegen. Neben Fischbrötchen verspeisen die Menschen im Norden gern gemeinsam Labskaus. Wilhelmshaven kann sich seit 2001 mit dem weltgrößten Labskaus-Essen rühmen, bei dem das Seefahrer-Gericht an zahlreichen Ständen in der Innenstadt angeboten wird. Dabei wird versucht, die Anzahl der im Vorjahr verkauften Portionen zu übertreffen und einen neuen Weltrekord aufzustellen. Als Kind bekam ich von der Matrosen-Mahlzeit nicht genug und nahm mir gern noch einen Nachschlag von den Tellern meiner Eltern. Heute meide ich die Marktstraße an diesem Tag allerdings lieber – beim Anblick und Geruch der breiigen Masse will bei mir kein Appetit mehr aufkommen.

Anders ist es bei der „besonderen“ Bratwurst, die vor dem Teehäuschen am Südstrand auf den Grill kommt. „Von freilaufenden Deichschweinen“ lautet die nicht ganz ernst gemeinte Beschreibung auf einer Tafel vor dem Häuschen. Bei dem einen oder anderen Winterspaziergang am Wasser legte ich dort als Kind mit meinen Eltern gern eine Pause ein. Während es auf dem Grill ordentlich brutzelte, warteten wir bei einem kurzen Klönschnack mit dem Grillmeister. Hier gab es für mich außerdem immer einen heißen Kinderpunsch, an dem ich mir meine kalten Hände wieder aufwärmte. Wenn eisiger Wind den Südstrand entlang fegte und mein ganzer Körper schon durchgefroren war, gab es nichts Schöneres als einen Halt bei dem kleinen Häuschen am Meer.

Nicht Wald, Feld oder Berge, die Küste war mein Kindheitsparadies. Am wohlsten fühle ich mich seit jeher am Wasser und auf seinen grünen Aussichtsplattformen: den Deichen. Im Sommer radelte ich auf dem Fliegerdeich Richtung Mariensiel oder Dangast, vorbei an friedlich grasenden Schafen, Fischerhütten und kleinen Ruderbooten im Schlick. Möwen statt Menschen begegnen einem hier. Man kann sich vom Rückenwind treiben lassen – oder muss bei Gegenwind kräftig strampeln. Erholung ist es immer, von wo der Wind auch weht.

Einen besonderen Moment am Deich erlebte ich im vergangenen Jahr nach dem Elektrofestival „Willi will’s wild“, das im ehemaligen Jadebad am Kanal stattfand. Wie der Name schon sagt, war die Veranstaltung auch ein Wilhelmshavener Format. Bis morgens tanzten wir durch die laue Sommernacht, direkt am Wasser, das der Vollmond glitzern ließ.

Als der Morgen graute, fuhr ich mit Freunden in einem alten VW-Bus, der eher an ein Hippie-Festival in den siebziger Jahren erinnerte, unten am Fliegerdeich entlang. Der Horizont glich einem Ölgemälde, dort wo die Schleierwolken am blau-rot gefärbten Himmel mit dem Meer verschmolzen. Wir legten uns ins Gras zwischen dutzende Mücken und spürten den kühlen Morgentau auf der Haut.

So fühlt sich meine Heimat an – und Urlaub.


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