Ofen /Marienhafe Erhard Brüchert trinkt Tee, wie es sich für einen wahren Ostfriesen gebührt. Der Kluntje knistert, als er ihn mit der dampfenden Flüssigkeit übergießt. Dabei ist er ja eigentlich nur noch ein „Butenostfriese“. „So nennt man die Ostfriesen, die nicht in Ostfriesland leben“, erklärt er mit einem Schmunzeln.

Die Wand in seinem gemütlich-verwinkelten Arbeitszimmer in Ofen (Landkreis Ammerland) ist mit Bildern und Plakaten behangen, die von zahlreichen Theaterstücken zeugen, die der Autor schon geschrieben hat. Erhard Brüchert, 71 Jahre alt, pensionierter Geschichtslehrer, passionierter Geschichten-Schreiber, Wahl-Oldenburger und Platt-Snacker, hat eine neue Aufgabe bekommen: Er soll Klaus Störtebeker sterben lassen.

„Keen Nüst för Störtebeker“ heißt das Stück, dass die „Arbeitsgemeinschaft ostfriesisches Volkstheater“ bei Brüchert in Auftrag gegeben hat. Seit 1996 finden in Marienhafe im Abstand von zwei Jahren die Störtebeker-Festspiele statt, die in die 7. Runde gehen. „Um die 25 000 Besucher haben sich das Spektakel im vergangenen Jahr angesehen“, sagt Brüchert.

Platt liegt ihm am Herzen

Der hochgewachsene Mann mit den dunklen Haaren freue sich sehr, nach Autor Ingo Sax ein neues – und noch dazu vorerst das letzte – Störtebeker-Stück für die Aufführung im Sommer 2014 schreiben zu dürfen. „Das ist das Größte, was es in Ostfriesland gibt“, sagt er über das Festival.

In der NWZ  ist Brüchert regelmäßig mit Beiträgen auf der Plattdeutsch-Seite „Snacken un Verstahn“ zu lesen, außerdem ist er bei der Oldenburgischen Landschaft aktiv und Mitglied beim „Spieker“. Plattdeutsch liegt ihm am Herzen. Würde seine Frau Astrid ihn nicht ab und an ein bisschen bremsen, hätten sie wohl kaum noch Zeit für sich oder die drei Enkelkinder.

Die Veranstalter des Touristik-Ereignisses in Marienhafe haben sich dafür entschieden, zunächst Schluss zu machen mit den Störtebeker-Geschichten. Zuletzt war bei der 6. Veranstaltung ein Minus eingefahren worden. „Es soll in Zukunft um die ostfriesischen Häuptlingsgeschichten gehen“, erzählt Brüchert.

Klaus Störtebeker verleert Oostfreesland un findt sien Dood – der Ausgang der alten Geschichte ist vielfach zu Papier gebracht worden. Aber wie erzählt man sie am besten? Mit dieser Frage hat sich Brüchert seit Monaten beschäftigt. „Ich erzähle die Geschichte so, wie ich sie mir vorstelle“, sagt er.

Die Arbeitsgemeinschaft unter Vorsitz von Jakob Janshen hatte sechs Autoren gebeten, ein Exposé für das Stück zu schreiben mit dem Thema „Störtebekers Tod“. Am Ende fiel die Wahl auf den „Buten­ostfriesen“. Im März hatte Brüchert mit dem Schreiben angefangen. Zunächst verfasste er einen langen Prosatext, „auf Hochdeutsch“, fügt er hinzu. Als das Gerüst stand, machte sich der 71-Jährige an die Dialoge.

Im Jahre 1401 soll Störtebeker den Erzählungen nach in Hamburg hingerichtet worden sein. „Ein bisschen Mord und Totschlag gibt es bei mir auch, aber da es sich um ein Programm für die ganze Familie handelt, wird es bei mir natürlich nicht zu brutal“, erklärt Brüchert und lacht.

Eigentlich ist er ja doch ein wahrer Ostfriese. Geboren wurde er 1941 in Pommern, wuchs aber in Norden auf, wo er Platt lernte. 1970 zog er dann in Richtung Oldenburg, war bis 2004 Oberstudienrat für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Eversten. 1979 fing er an zu schreiben, sein erstes Werk war ein Stück für das Kindertheater. Seitdem wurde er mit diversen Niederdeutschen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Sein Stück ist so gut wie fertig und im Frühjahr soll die Auswahl der Schauspieler beginnen. 26 Sprechrollen gilt es zu verteilen. Die Regie wird Frank Grupe aus Hamburg führen, der schon 2002 eine Störtebeker-Aufführung in Marienhafe inszenierte. Er ist momentan Oberspielleiter am Ohnsorg-Theater in Hamburg und bekannter Hörspielautor von Radio Bremen.

In „Keen Nüst för Störtebeker“ wird es im Wesentlichen um die letzten anderthalb Lebensjahre des Liekedeler-Kapitäns gehen. Er flieht von der Ostsee in die Nordsee und findet Zuflucht in Marienhafe im Brookmerland. Zunächst wird er geduldet, doch unter dem Eindruck eines Hansetages in Lübeck, bei dem praktisch schon ein Todesurteil über Störtebeker gefällt wird, wenden sich die ostfriesischen Häuptlinge von ihm ab. In dieser Inszenierung will Brüchert vor allem den Zwiespalt der Ostfriesen gegenüber dem Volkshelden in den Vordergrund bringen.

Keine Einmischung

Die Proben wird sich der Autor ab und zu ansehen, will sich aber „nicht einmischen“ – auch wenn das vielleicht manchmal schwer fallen wird. Die Umsetzung sei Sache des Regisseurs, meint er.

Wenn „sein“ Störtebeker in anderthalb Jahren vor der malerischen Kulisse des Marktplatzes von Marienhafe gespielt wird, kann sich der ehemalige Geschichtslehrer also entspannt zurücklehnen. Das Bühnen-Spektakel in historischen Kostümen sollte nicht nur ihn verzaubern.


Mehr Infos unter   www.stoertebeker-freilichtspiele.de 
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