Oldenburg Das gleißend gelbe Licht des Scheinwerfers richtet sich auf Sven Gerstmann, als er die Bühne betritt. Er fühlt sich ganz in seine Rolle hinein: den Kopf leicht gesenkt, schlurft er in die Mitte der schwarzen Bretter, die die Welt bedeuten. Seine Figur Kasimir verlor seinen Job und seine große Liebe.

Der 36-Jährige spielt seit wenigen Produktionen an der August-Hinrichs-Bühne in Oldenburg. Er ist einer von zahlreichen Laiendarstellern, die sich in ihrer Freizeit dem niederdeutschen Schauspiel widmen. Nicht nur an den größeren Bühnen in Oldenburg oder Brake, sondern auch in kleinen Ortschaften beispielsweise im Ammerland, im Raum Ganderkesee oder im Oldenburger Münsterland schnuppern Schauspiellaien Theaterluft.

Niederdeutsche Bühnen im Nordwesten

Viele Theatergruppen gehören dem Niederdeutschen Bühnenbund an. Neben der August-Hinrichs-Bühne sind die regionalen Theater in Brake, Bremerhaven, Delmenhorst, Nordenham und Varel im Bühnenbund organisiert.

Im kleinen Rahmen spielen in zahlreichen Ortschaften rund um Oldenburg plattdeutsche Dorftheatergruppen. Die Kontaktdaten der Theater finden sich auf den Internetseiten der Gemeinde oder Landkreise.

    www.buehnenbund.de

Gerade für junge Menschen bieten die zahlreichen niederdeutschen Bühnen einen Blick in die glamouröse Welt. Es bietet eine Möglichkeit, die Welt um sich herum für eine kurze Zeit vergessen und ganz in eine neue Rolle einzutauchen.

Sprachpaten helfen

Das schätzt auch Sven Gerstmann am niederdeutschen Theater. Wochenlang probt er für seinen großen Auftritt in den häufig heiteren Stücken. Auch „Kasimir un Karoline“ von Ödön von Horváth, welches derzeit an der August-Hinrichs-Bühne (AHB) in Oldenburg geprobt wird und am 29. Mai Premiere feiert, gehört zu diesen Stücken mit Witz.

Der 70-jährige Helge Ihnen wankt auf der Bühne hin und her und beginnt bekannte Schlager zum Besten zu geben: „Was wollen wir trinken, sieben Tage lang, was wollen wir trinken, so ein Durst“, folgt auch schon „Sieben Fässer Wein“ und „Fiesta Mexicana“. „Es ist gar nicht so leicht, gleichzeitig auf die Musik zu hören, dazu richtig zu singen und dann noch seine Rolle zu spielen“, findet Helge.

Von den gepolsterten Sesseln aus beobachtet Sven Gerstmann den Routinier beim Spielen. Der Oldenburger weiß, dass er vom „alten Hasen“ noch viel lernen kann. Und genau das gefalle ihm: „In dieser gemischten Besetzung zu spielen, ist für alle eine Bereicherung“, findet er.

„Früher hatten wir noch Regisseure, die mit dem Niederdeutschen vertraut waren“, erzählt Helge Ihnen. Nun hätten einige der Laiendarsteller, wie er, selbst mehr Erfahrung mit dem Plattdeutschen. Seit 1985 ist Helge Ihnen nun an der AHB und hat sich die Minderheitensprache angeeignet. „Das Publikum ist da sehr kritisch. Die hören es sofort, wenn man das nicht so ausspricht oder andere Worte verwendet als hier im Oldenburger Platt“, sagt er. Daher gibt es besonders für die neuen Mitglieder der August-Hinrichs-Bühne „Sprachpaten“.

Helge Ihnen betreut die Hauptrolle Kasimir. Sven Gerstmann sprach vor dem ersten Auftritt auf der AHB kein Niederdeutsch. „Weder meine Eltern, noch meine Großeltern konnten Platt“, erzählt der in Rastede aufgewachsene Nachwuchsschauspieler. Dabei ist es für ihn eine so „spannende und schöne Sprache“. Allein schon so Wörter wie „Plüschappel“ für „Pfirsich“ begeistern ihn. Trotzdem müsse er sich den Text oft in seine Sprache übersetzen, um zu wissen, wie er den verkappten Kasimir, der gern auch mal laut sein würde, jedoch stets seine Professionalität wahrt, spielen soll.

Viele heitere Stücke

Mit Regisseur Ekat Cordes verfeinert er stets den Charakter seiner Rolle und das Spiel.

Ein Musikstück wird geprobt. Keyboarder Jörg Wockenfuß spielt die Töne an, die Sven Gerstmann und der Chor aus fünf anderen Schauspielern setzt ein und singt „solang man Träume noch leben kann“ von der Münchener Freiheit. Wockenfuß bricht das Lied ab. „Wir brauchen die Mikroports auf die Wedges“ ruft er zum Tontechniker rauf. In der veränderten Einstellung folgt ein neuer Durchgang.

Die Inszenierung von „Kasimir un Karoline“ lebt durch die Einbindung von Musik von einer Menge technischer Abstimmungen und vor allem dem richtigen Timing bei den vielen musikalischen Komponenten. Im Vergleich zu den Aufführungen vor 30 Jahren nimmt die Komplexität zu, bemerkt AHB-Urgestein Ihnen: „Die Technik war früher lange nicht so ausgeprägt wie heute“, weiß er aus seinen 31 Jahren Erfahrung an der AHB.

Sven Gerstmann dagegen gehört einer Generation an, die mit der rasanten Entwicklung der Technik aufgewachsen ist und Helge Ihnen die Begriffe übersetzt. Der 36-Jährige verschrieb sich der niederdeutschen Bühne über seine Leidenschaft für den Gesang. Er wirkte bereits an zahlreichen Opernproduktionen im Extrachor mit. Die Musik ist sein Hobby, genau wie das Schauspiel. Sein Geld verdient der Oldenburger mit der Arbeit im Außendienst eines Unternehmens, das Fahrschulen einrichtet.

Ablenkung vom Alltag

Danach noch fünf Tage die Woche abends am Theater zu sein, sei ganz schön anstrengend. „Wir proben meistens so bis 22 Uhr“, berichtet er. Auch an dieser Stelle erkennt Ihnen Veränderungen zu früheren Zeiten. „Manche Regisseure waren so verbissen, dass sie um elf noch einmal einen Durchlauf machen wollten“, erinnert sich Ihnen. „Irgendwann habe ich mal gesagt: kannst du gern machen, aber ohne mich. Ich hatte einen anstrengenden Tag, ich gehe jetzt nach Hause“, denn der Beruf geht für die Laiendarsteller noch immer vor.

Sven Gerstmann nutzt die Möglichkeit, abends vom manchmal stressigen Job abzuschalten und in der familiären Umgebung der Theatergruppe Spaß beim gemeinsamen Spiel zu haben. Dieser Aspekt verbindet wohl alle Laienschauspieler, egal an welcher niederdeutschen Bühne sie sich engagieren.


Mehr Infos unter   www.ahb-oldenburg.de 
Anna Lisa Oehlmann Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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