Varel /Emden Mehr als 50 Jahre lag sie verstaubt auf dem Dachboden eines Wohnhauses in Varel. Über einige Umwege ist jetzt die Chronik zur Geschichte der jüdischen Schule Emden wieder aufgetaucht. Sie soll zurück nach Emden ins Stadtarchiv, kündigte Tom Brok, Mitglied des Arbeitskreises „Juden in Varel“ an, der den Kontakt zu den Findern des Dokuments hergestellt hatte.

Edith und Günter Schlink leben in Duisburg. Als sie 1994 ein geerbtes Haus in der Schüttingstraße in Varel vor dem Verkauf räumten, fand sich auf dem Dachboden unter dicken Staubflocken eine handgeschriebene Kladde. Die Schlinks hoben sie auf, schenkten ihrer Bedeutung aber keine Aufmerksamkeit. Erst als Tom Brok für den Arbeitskreis „Juden in Varel“ im Frühjahr 2016 bei den Schlinks nachfragte, stellte sich heraus, dass die Schlinks die vom Hauptlehrer W. Selig 1889 begonnene Chronik der jüdischen Schule Emden in den Händen hatten.

Nicht mehr vollständig: Die Chronik der jüdischen Schule Emden. BILD: Hans Begerow
Nicht mehr vollständig: Die Chronik der jüdischen Schule Emden. BILD: Hans Begerow

Ostfriesische Juden zwangsweise nach varel gebracht

In Emden bestand vom 16. Jahrhundert bis 1941 eine jüdische Gemeinde. Die letzten Emder Juden, Alte und Kranke, wurde im Oktober 1941 nach Varel gebracht. Von dort wurden sie im Juli 1942 in Vernichtungslager deportiert.

In Varel hatten die Geschwister Ernst und Jette Weinberg 1937 eine Art Altenheim für alte und gebrechliche Juden betrieben. Die Weinbergs und die Bewohner des Hauses Schüttingstraße 13 wurde im Oktober 1941 deportiert. In das freigewordene Gebäude quartierten die Nazis zwangsweise 23 Juden aus Ostfriesland ein, die meisten aus Emden. Sie müssen die Chronik der jüdischen Schule auf dem Dachboden hinterlassen haben.

Das ehemalige Altenheim in Varel wurde nach dem Krieg – allerdings erst nach langwierigen Prozessen – an die rechtmäßige Erbin, Johanne Titz (geb. Weinberg, eine Schwester von Ernst), zurückgegeben.

Wie war die Chronik nach Varel gelangt? Das Haus, wo die Chronik 50 Jahre unbeachtet verstaubte, hat eine traurige Geschichte. Während des Nationalsozialismus lebten in dem Haus zunächst alte und gebrechliche Juden aus Varel. Die wurden zusammen mit dem Betreiberehepaar Ernst und Jette Weinberg 1941 deportiert. In das leergeräumte Vareler Haus pferchten die Nazis alte und gebrechliche Juden aus Ostfriesland ein, die meisten aus Emden. Die letzten Emder Juden, es waren 23, wurden im Juli 1942 in Konzentrationslager deportiert. Keiner hatte überlebt.

Die handgeschriebene Chronik ist nicht vollständig, einige Seite fehlen. Aber die Heimatforscher in der Max-Windmüller-Gesellschaft, die sich nach dem 1945 erschossenen, jüdischen Widerstandskämpfer Max Windmüller nennt, wird das Dokument auswerten. Von der Existenz der Chronik wusste man, nur von ihrem späteren Verbleib nichts. Tom Brok wird die Chronik nach Emden bringen, wo Dr. Rolf Uphoff, Vorsitzender der Max-Windmüller-Gesellschaft. sich auf die Auswertung freut. „Die Chronik auf ähnlichem Weg wieder zurückzutragen, das ist ein bewegender Gedanke und dass man die Geschichte der Schule aufhellen und erarbeiten kann“, sagt Brok.

Wahrscheinlich hat Louis Wolff (1890 - 1944), der letzte Vorsteher der Emder Synagogengemeinde, die Schulchronik mit nach Varel gebracht. Wolff begleitete die Alten der jüdischen Gemeinde Emden nach Varel und war der letzte Heimleiter des jüdischen Altenheims in Varel.

Der letzte handschriftliche Eintrag aus der Chronik datiert von Pfingsten 1936. Der Lehrer, der sie geführt hat, notiert zum Beispiel die Zahl der Schüler und die Einführung einer Bibel für den Unterricht, außerdem besondere Ereignisse wie Feiertage. Zum Schuljahresbeginn 1936/37 wurden „35 Knaben und 28 Mädchen, darunter ein Knabe im neunten Schuljahr“ unterrichtet.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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