Jever /Berlin Es ist eine kleine Sensation. Es ist ein großer Zufall. Es ist ein seltener Glücksfall.

Fast liebevoll betrachtet Hartmut Peters das Bild, das die Synagoge von Jever in voller Pracht zeigt, seinerzeit eines der schönsten und größten jüdischen Gotteshäuser weit und breit. „Wir haben immer wieder versucht, ein solches Foto zu finden“, sagt Peters. „Und die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben.“

Ausstellung wird eröffnet

An diesem Sonntag wird im Gröschler-Haus in Jever eine Fotoausstellung über Synagogen im Nordwesten eröffnet. Das Gröschler-Haus ist dienstags und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

www.groeschlerhaus.eu

Bis vor einigen Wochen ein Tipp aus Cuxhaven kommt. Ingo Holtz, der die Synagoge gerne wieder aufbauen würde, hat im Internet eine professionelle Architekturaufnahme entdeckt. Ein Foto von „zeitgeschichtlicher Brisanz“, wie Peters sagt. Ein Foto, das die Lücke in der Geschichte der jeverschen Sakralbauten füllt. Ein Foto, das wieder einmal zeigt, welche kulturellen Schätze die Nazis vernichtet haben.

Detektivarbeit nötig

Die Jeversche Synagoge, 1880 gebaut, wurde 1938 während des Novemberpogroms von örtlichen NSDAP-Aktivisten zerstört und bald darauf abgerissen. Wo früher die Synagoge war, steht heute in der Altstadt das Gröschler-Haus, seit 2014 Zentrum für jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland/Wilhelmshaven, kein Museum, eher ein Ort „außerschulischen Lernens“.

Hier trifft man Hartmut Peters, Pensionär, Hobby-Historiker, 36 Jahre Lehrer am Mariengymnasium: für Deutsch und Politik. Einer der sich mit der Nazizeit auseinandergesetzt hat, mit der Elterngeneration, der schweigenden Mutter, dem belasteten Vater. „Ich versuche, etwas aufzuklären“, sagt der 67-Jährige.

Was er und seine Mitstreiter Volker Landig und Holger Frerichs über das jüdische Leben im Nordwesten entdeckt und zusammengetragen haben, kann man auf 140 Quadratmetern in dem Klinkerhaus in der Großen Wasserpfort­straße bewundern. „Hier stand fast 60 Jahre lang eine ganz tolle Synagoge.“

Zurück zum Foto. Wer die Aufnahme gemacht hat, weiß Peters nicht. Wann sie entstanden ist, hat er herausgefunden. Detektivarbeit. An der Synagoge sieht man Stromleitungen für das Licht im Innenraum: also nach 1896. Die Koniferen hinterm Zaum sind etwa 3,50 Meter hoch. Dafür müssen sie 18 bis 20 Jahre gewachsen sein: ab Baujahr 1880. Vier Zierkuppeln, die zum ursprünglichen Bau gehörten, sind bereits entfernt. Genauso wie bei einer Aufnahme vom Schlossturm aus dem Jahr 1902, bei der die Synagoge im Hintergrund zu sehen ist. Ergo: um 1900.

Jetzt wird die Geschichte noch spannender. Denn das Bild wurde im Nachlass des jüdischen Pressefotografen Abraham Pisarek (1901-1983) in Berlin gefunden. Kennt man nicht unbedingt, einige seiner Aufnahmen ab 1929 sind allerdings berühmt.

Die von Schauspielern wie Helene Weigel, Gustaf Gründgens und Ernst Busch etwa. Pisarek war Theaterfotograf von Bertolt Brecht. Er hat die einzigen Bilder vom Begräbnis des Malers Max Liebermann geschossen. Sein wohl bekanntestes Foto stammt vom Vereinigungsparteitag der KPD und der SPD 1946, als sich Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck die Hand gaben. Der Händedruck wurde stilisiert zum Abzeichen der SED. Rund 55 000 Fotos aus dem Nachlass sind ausgewertet.

Immer wieder hat Pisarek auch das jüdische Leben in Deutschland in den 1930er Jahren fotografiert. Vermutlich war er in dieser Zeit einmal in Jever. Als Urheber des Synagogen-Fotos kommt er aber natürlich nicht infrage.

„Wie er da rangekommen ist, weiß ich auch nicht“, zuckt Hartmut Peters ratlos die Schultern. Dass es ein professioneller Architekturfotograf gemacht haben muss, da ist er sich aber sicher, erzählt etwas von „Ausgleich der perspektivischen Verzerrung“.

Und es kommt noch besser für Peters und seine Mitstreiter. Die Freude über das Pisarek-Erbe ist noch groß, da meldet sich ein Peter Gabriels, der aus einem Nachlass in der Großen Wasserpfortstraße ein Foto gekauft hat. Es zeigt ein Paar auf einem Balkon – und die Synagoge im Hintergrund.

Und so sammeln sie im Gröschler-Haus Foto auf Foto und Geschichte auf Geschichte. Sogar in den USA gibt es inzwischen Interesse an der ehrenamtlichen Forschungsarbeit zur jüdischen Geschichte in Jever. Dort finde man es sensationell, wie gut wir wissen, wie die Synagoge war, erzählt Peters.

Viel geblieben ist nicht von der 17 Meter hohen Synagoge im byzantinischen Stil, mit großen Glasfenstern, mit einer maurischen Kuppel, geziert von einem großen Davidstern. In den 1930er Jahren häufiger Ziel von antisemitischen Attacken, wurde sie in der Nacht des 10. November durch Feuer zerstört. Sechs Brandstifter. „Alle wussten Bescheid, vom Bürgermeister bis zur Polizei. Die Feuerwehr stand bereit“, erzählt Peters.

Damals lebten nur noch etwa 50 Juden in Jever (um 1900 rund 250). Fast alle Erwachsenen wurden von der SA verschleppt, viele später ermordet. Darunter Hermann und Julius Gröschler, nach denen das Haus heute benannt ist.

Übrig blieben einige Grundmauern unter der Erde. Übrig blieb eine Mauer mit Fenster auf der Rückseite. Übrig blieb die Mikwe, das rituelle jüdische Tauchbad, erst vor eineinhalb Jahren entdeckt. Noch eine kleine Sensation.

Ritualbad im Keller

Hartmut Peters leuchtet in den Kellerraum, der sich unter einer braunen Platte im Anbau verbirgt. Steile Treppenstufen führen nach unten. Man sieht ein Becken, einen Heizungsofen, der später eingebaut wurde, den Eingang zu einem zweiten Raum. „Für uns ist die Mikwe so etwas wie eine Lebensversicherung“, schmunzelt Peters.

Über das Innere der Synagoge ist bis heute wenig bekannt, die Einrichtungsgegenstände wurden vermutlich geraubt. 1954 wurde ein Geschäftshaus auf dem Grundstück gebaut. Erhalten sind die beiden Gründungssteine der ersten Synagoge von 1802 und der von 1880 – als Teile eines Mahnmals auf dem jüdischen Friedhof von Jever.

Der Arbeitskreis Gröschler-Haus im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein sorgt dafür, dass die jüdische Geschichte der Region nicht vergessen geht.

Hartmut Peters hat damit bereits als Lehrer in den 1980er Jahren angefangen. Der Arbeitskreis des Mariengymnasiums lud 1983 die vertriebenen Juden nach Jever ein. 30 kamen. „Das wichtigste historische Ereignis Jevers“, findet Hartmut Peters.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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