Schortens /Bockhorn Wenn Hans-Werner Neumann (64) aus Schortens den Tiger auspackt, sind die Blicke der Passanten auf ihn gerichtet. Genau genommen schauen sie den Kabinenroller von Neumann an, der vor 60 Jahren gebaut wurde und auf den Namen „Tiger“ hört. Der „Tiger“ war ein typischer Kleinwagen der 50er Jahre – kompakt, unkompliziert und kostengünstig. Ein zweisitziges Fahrzeug, das im Gegensatz zum kleineren Bruder (dem dreirädrigen Messerschmitt Kabinenroller mit 10 PS und 200 ccm Hubraum) vier Räder hatte und einen stärkeren Motor. Mit 20 PS war der leichtgewichtige „Tiger“ gut motorisiert. Bis zu 125 Kilometer in der Stunde beschleunigt der robuste Zweitaktmotor das Fahrzeug. Zwei Jahre reparierte und restaurierte Neumann den „Tiger“, der nun in sattem Schwarz glänzt und eine echte Zierde ist.

Zum Oldtimermarkt in Bockhorn, der vom 8. bis 10. Juni auf dem Veranstaltungsgelände an der B 437 stattfindet, wird Neumann mit seinem „Tiger“ fahren. Der Messerschmitt-Club, dem Neumann natürlich angehört, hat dort einen Stand. Was man dort macht als Messerschmitt-Besitzer? „Benzin-Gespräche“, sagt Neumann, Kurzwort in der Oldtimer-Szene für Gedankenaustausch über Fahrzeuge, Motoren und Bezugsquellen für Ersatzteile. Mit seinem fast unüberschaubaren Angebot ist der Oldtimermarkt in Bockhorn, mittlerweile der 37., „der“ Markt der Oldtimer-Szene in Norddeutschland. Mehr als 5000 Kraftfahrzeuge, ungezählte Motorräder und Nutzfahrzeuge sind in Bockhorn anzutreffen, dazu zahlreiche Händler mit Ersatzteilen oder Anbieter von Fahrzeugen. Den Bockhorner Oldtimermarkt nutzen verschiedene Clubs für Markentreffen – so wie die Messerschmitt-Fahrer. „Bockhorn gehört dazu“, sagt Neumann. Seit 1983 versäumt er keinen Markt.

Schon 1977 hatte Neumann seinen ersten Messerschmitt-Kabinenroller erworben und ebenfalls erst einmal restauriert. Nach einigen Jahren hatte der gelernte Flugzeugmechaniker den Oldtimer instandgesetzt, ein weißlackiertes Modell. Übrigens auch überaus rangierfähig. Der weiße Messerschmitt-Kabinenroller mit 10 PS, ebenfalls Baujahr 1958, hat vier Rückwärtsgänge. „Dafür sorgt die Black Box“, erläutert Neumann lachend und deutet auf einen Schaltkasten. „Zum Rückwärtsfahren wird der Motor ausgeschaltet und andersherum wieder angelassen. Der Magnetschalter polt das um.“ So kann der kleine Kabinenroller tatsächlich in allen vier Gängen auch rückwärts gefahren werden. In der Praxis macht das kein Messerschmitt-Besitzer, denn die Kontakte der elektrischen Zündung nutzen so schneller ab. Dass die Fahrerkabine ein wenig an ein Flugzeug-Cockpit erinnert, hat mit dem genialen Flugzeug-Konstrukteur Willy Messerschmitt zu tun, der nach dem 2. Weltkrieg keine Flugzeuge mehr bauen durfte. Eine Konstruktion von Fritz Fend (aus Rosenheim) übernahm Messerschmitt, Fend entwickelte aus einem ursprünglich für Gehbehinderte konzipierten Fahrzeug den Kabinenroller. Später folgte die etwas stärker motorisierte Version, die als „Tiger“ auf den Markt kam, obwohl der Name „Tiger“ von Firma Krupp unter Titelschutz genommen worden war. Für Hans-Werner Neumann ist es trotzdem der „Tiger“, auch als Typenschild auf dem Fahrzeug-Bug „FMR“ prangt (Fahrzeug Maschinenbau Regensburg) – denn Messerschmitt durfte wieder Flugzeuge bauen.

Zuladung ist im Kabinenroller limitiert, ein Koffer muss auf einen Gepäckhalter geschnallt werden, sonst ist die Ablage überschaubar klein. Das Lenkrad gibt es nicht, stattdessen ist ein Steuerhorn eingebaut, ohne Lenkgetriebe überträgt es die Lenkbewegungen. Und der Fahrkomfort? „Sehr direkt. Jedes Schlagloch wird mitgenommen“, sagt Neumann und demonstriert das Einsteigen in den Kabinenroller: Linker Fuß, Hand an den Sitz, Sitz zurückschieben, einsteigen mit beiden Beinen, hinsetzen, Sitz nach vorne – alles streng nach Bedienungsanleitung. „Das ist ein 50er-Jahre-Fahrzeug, das kann man nicht mit heutigen Fahrzeugen vergleichen“, sagt Neumann, der zu Club-Treffen und Ausfahrten mit seiner Ehefrau Elke unterwegs ist.

Sein schwarzer „Tiger“ ist übrigens auch das Zweitfahrzeug der Familie. Wenn er auftaucht, ist er der Blicke der Passanten sicher, die oft an die eigene Automobil-Sozialisation erinnert werden: „Mein Opa hatte auch so einen“, sagen die Schaulustigen oft.


Sehen Sie ein Video unter   www.nwzonline.de/videos 

NWZ-Auto.de
Finden Sie Ihr Traumauto auf NWZ-Auto.de!

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.