Oldenburg Pitsch-patsch-platsch. Noch kann man die Regentropfen zählen. Gerade trommeln viele aus dem ungnädigen Oldenburger Mai-Himmel auf das Weidedach der runden Lehmhütte. Fertig ist sie noch nicht. Es ist still im Botanischen Garten. Besucher schwirren kaum herum. Schon gar keine mit Flügeln.

Aber das wird sich bald ändern. In anderthalb Wochen soll hier die ganz große Flatter los gehen. Am Montag, 20. Mai, wird das Hummel-Oratorium eröffnet: Der Klang der Insekten wird in Noten übertragen und vertont. „Didel-didel-dum“, macht Klaus Bernhard von Hagen und fährt mit den Fingern durch die Luft wie ein Dirigent – „so geht es rein“ – und raus mit einem „Bam-bam.“ Die Augen des wissenschaftlichen Leiters vom Botanischen Garten leuchten. Seit einem knappen Jahr wird im hinteren Teil des Areals an der afrikanisch anmutenden Lehmhütte gebaut. In täglichen Zehnzentimeterschichten haben sich drei niederländische Studenten nach oben gearbeitet. Licht fällt durch Buntglas in den Wänden ein. Vor vier Wochen ist das Dach gedeckt worden. Gerade montiert Klaus Reis Halterungen für Lautsprecherboxen an. Der Technische Leiter des Botanischen Gartens wird auch noch einen Bildschirm installieren, auf dem Originalaufnahmen aus einem Hummelstock übertragen werden. „Aus Holland. Per Internetverbindung“, sagt er.

Der Botanische Garten fliegt auf Insekten – Weitere Aktivitäten

Bei den Stadtgärten beteiligt sich der Botanische Garten mit dem Thema „Bienenfreundliche versus unfreundliche Sortenwahl im Hausgarten“ und gibt Tipps für die Umsetzung.

Zum Tag der offenen Tür am Sonntag, 16. Juni, 11 bis 17 Uhr, werden Informationen und Aktivitäten besonders für Kinder rund um das Thema Insekten und Bestäuber geboten.

Eine Führung zum Thema: Insekten, Bienen und Co – Beobachten, Fangen, Bestimmen gibt es am Sonntag, 21. Juli, 11.15 Uhr.

    https://uol.de/botgarten/veranstaltungen/

Erfunden haben das Hummel-Oratorium nämlich die Niederländer – als Teil des Projektes „Silence of the Bees“ (Stille der Bienen), das im Rahmen vom Leeuwardener Programm als Kulturhauptstadt 2018 erarbeitet wurde. Von dem länderübergreifenden Projekt profitiert nun Mensch und Tier in Buitenpost bei Groningen und hier in Oldenburg. „Wir tun so, als ob wir in einem Hummelstock stehen“, verspricht Klaus Bernhard von Hagen. Momentan lässt sich zwar kein Insekt blicken, aber wenn es wohnlich genug ist, sollen hier zwei Hummelstöcke einziehen. Ortsfremd sind die Wildbienen nicht – sie werden von einem anderen Teil des Gartens ins Oratorium umgesiedelt. Auf Ungestörtheit verzichten müssen sie nicht: Die Insektenkörbe – äußerlich banale Holzkästen, innerlich Hummelwohnungen – werden an den Lehmwänden angebracht, sind aber nur durch ein schmales Metallrohr von draußen zugänglich. Was größer als eine Fingerkuppe ist, kommt nicht rein.

Passiert ein Insekt den Eingangsbereich, übertragen Sensoren Geräusche. „Musik ist ein bisschen zu viel gesagt“, überlegt der wissenschaftliche Leiter. Aus dem „Didel-didel-dum“ und „Bam-bam“ entsteht allerdings eine Melodie, komponiert per Computer-System. Begleitet wird sie von verschiedenen Brummtönen – alles per Lautsprecherbox übertragen. „Wenn es warm ist und im Hummelstock die Post abgeht, wird es laut“, sagt Klaus Reis. Hummeln sind Frühaufsteher: Ihre Arbeit beginnt nach Sonnenaufgang, sobald sich die Blüten öffnen. Alle Interaktionen und messbaren Daten der Tiere werden vertont. Pausenlos. Visuell wird das geschäftige Treiben von Hummelstockaufnahmen auf dem Monitor untermalt – lebendige Tiere schwirren in der Hütte nicht frei herum, sondern halten sich in den Holzkästen auf.

Konzipiert hat dieses musikalische Naturspektakel Jan Willem von Kruyssen. Mit der Umsetzung hat der Niederländer zwei australische Klangkünstler beauftragt. Einer von ihnen ist Nigel Helyer, der neben skulpturalen Soundinstallationen auch das Konzert „Bumblebee-Rhapsodie“ – ein orchestrales Bienensummen, das letzten Sommer im Botanischen Garten erschallte – komponiert. Wie viel Technik und Raffinesse in dem Projekt steckt, bleibt dem Betrachter auf den ersten Blick verborgen. „Die Hütte ist angelehnt an einen traditionellen Bienenstock, wie er in der Lüneburger Heide zu finden ist“, sagt Klaus Bernhard von Hagen. Der Lehm mit Stroh-Anteil habe ideale Klimaeigenschaften, isoliere Wärme und nehme Feuchtigkeit auf. Halten könne das Oratorium bis zu fünf Jahre, schätzt der wissenschaftliche Leiter.

Wohlfühlen werden sich die neuen Mieter auch wegen der idealen Arbeits- und Lebensbedingungen: Der Botanische Garten bietet Insekten ein Eldorado heimischer Wildblumen, auf die die gefährdeten Arten meist schmerzlich verzichten müssen. Pestizidbehandlung gibt es keine. Auch in der Theorie ist man aktiv: Mehrere Bachelorarbeiten beschäftigen sich mit Saatgutmischungen insektenfreundlicher Pflanzen. Grund genug zum Summen: „Didel-didel-dum, Bam-bam, Brumm-brumm.“ Wer genau hinhört erfährt mehr – nämlich einiges über die fleißigen Hummeln. „Pitsch-patsch-platsch“: der Oldenburger Regen klatscht Beifall.
 Eingeweiht wird das Hummel-Oratorium zum Weltbienentag am Montag, 20. Mai, 11 Uhr im Botanischen Garten (Philosophenweg 39/41). Der Eintritt ist frei.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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