Nordenham Im Haus an der Jahnstraße 20 in Nordenham sind schon viele Schweißperlen auf den Boden getropft. Generationen von Schülern haben hier den Aufschwung am Reck gelernt. Heute erinnert nicht mehr viel an die Zeit, als in der Jahnhalle geturnt wurde. Das war so bis Ende der 70er-Jahre. Es hätte nicht viel gefehlt und das Haus aus der Gründerzeit der Stadt Nordenham wäre völlig von der Bildfläche verschwunden. Für die Abrisspläne hatte sich schon eine Mehrheit im Stadtrat abgezeichnet. Die Jahnhalle sollte einem Hochhauskomplex weichen. Zum Glück sind viele Nordenhamer – an der Spitze der ehemalige Lehrer Hermann Borchers – auf die Barrikaden gegangen. Mit guten Argumenten und Hartnäckigkeit verhinderten sie den Abriss. Und mit ihrem Einsatz legten sie den Grundstein dafür, dass die Jahnhalle weit über die Grenzen der Stadt hinaus zu einem Markenzeichen geworden ist und dass sich in Nordenham trotz seiner geografischen Randlage ein quicklebendiges Kultur-Biotop entwickelt hat.

Abriss verhindert

Noch heute profitieren die Nordenhamer von den Rettern der Jahnhalle. Etwa 70 bis 80 Kulturveranstaltungen finden hier jedes Jahr statt, vor allem Konzerte und Kabarett. Das Programm ist für eine Stadt mit knapp 27 000 Einwohnern mehr als beachtlich. Auswärtige Bands, Kleinkunst, Bands aus der Nordenhamer Musikszene – das sind die drei Grundpfeiler im Jahnhallen-Programm, das über die nördliche Wesermarsch hinaus viele Fans hat.

Stefan Jaedtke hat wie kein anderer die Geschichte der Jahnhalle begleitet und mitgestaltet. Seit 1988 ist er Programmchef. Er war Ende der 70er-Jahre Stammgast im alten Jugendzentrum am Marktplatz. Als dieses in die Jahre gekommene Haus abgerissen werden sollte, wurden mehrere Umzugsvarianten diskutiert und wieder verworfen – bis das Thema Jahnhalle ins Spiel kam. Eine Kombination aus Jugend- und Kulturzentrum schwebte den Politikern im Stadtrat vor. Als Vorbild diente das Pumpwerk in Wilhelmshaven. Am 1. Oktober 1983 war es so weit. Nach einem aufwendigen Umbau wurde die Jahnhalle als Kulturzentrum wiedereröffnet. Der Liedermacher Knut Kiesewetter spielte zum Auftakt. Die Jahnhalle war rappelvoll. Eine Woche später stand der Kabarettist Hans Scheibner auf der Bühne. Selbst zur Filmvorführung von Alan Parkers „The Wall“ kamen 200 Besucher. Wenig später stand Stefan Jaedtke selbst mit seiner Gruppe Una banda de musica auf der Bühne.

„Die Jahnhalle ist eingeschlagen wie eine Bombe“, erinnert sich Stefan Jaedtke. „Früher musste man als Nordenhamer wegfahren, wenn man Live-Musik erleben wollte. Nur hin und wieder lief mal was in der Friedeburg.“ Mit der Eröffnung des Kulturzentrums änderte sich das schlagartig. Die Nordenhamer gierten förmlich nach Kultur. Es gab neben dem Musik- und Kabarettprogramm auch regelmäßige Frühschoppen, einen Filmclub, Kindertheater und vieles mehr.

Polizei patrouilliert

In den 80er-Jahren haben die Ärzte, Champion Jack Dupree, Joy Fleming, Bill Ramsey, Lake, Grobschnitt, Supercharge, Pili Pili und Heinz-Rudolf Kunze in der Jahnhalle gespielt. Legendär ist das Konzert der Toten Hosen am 27. September 1986. Eigentlich sollte die Punkband auf Helgoland spielen. Aber weil die Insulaner Angst vor Randale hatten, wichen Campino und Co. kurzfristig in die Jahnhalle aus. Stefan Jaedtke erinnert sich, dass auch in Nordenham vor dem Konzert eine angespannte Stimmung herrschte. Ein großes Polizeiaufgebot patrouillierte in der Stadt. Aber es ging alles gut.

Nach und nach ist das anfangs so breitgefächerte Interesse eines kulturhungrigen Publikums einem Hang zum Mainstream gewichen. Für die ganz großen Namen ist die Jahnhalle inzwischen zu klein geworden. Das hängt auch mit einer Verschärfung der Brandschutzauflagen zusammen. Bei bestuhlten Veranstaltungen darf die Jahnhalle nur noch 157 Besucher reinlassen. Früher waren es 300.

Stefan Jaedtke hat außerdem festgestellt, dass immer mehr private Veranstalter Kultur anbieten. Die Jahnhalle ist eine städtische Einrichtung. „Wir wollen nicht mit privaten Anbietern konkurrieren, sondern lieber das machen, was andere nicht machen“, sagt der Programmchef. Deshalb haben sich die Schwerpunkte in der kulturellen Arbeit etwas verschoben. Stefan Jaedtke setzt vermehrt auf Nachwuchsförderung. Regelmäßig finden in der Jahnhalle Workshops für Musiker statt, die sehr gut angenommen werden.

Trotz der rückläufigen Besucherzahlen, kann sich das Jahnhallen-Programm sehen lassen. Bei den Künstlern genießt das Nordenhamer Kulturzentrum einen ausgezeichneten Ruf. Sie schätzen den Charme des Gebäudes, das 1913 gebaut wurde, das urige Ambiente. Auch deshalb kommen sie gerne wieder. Eines von vielen Beispielen dafür ist Hans Scheibner. Im Oktober 1983 ist er das erste Mal in der Jahnhalle aufgetreten. Seitdem steht er hier regelmäßig auf der Bühne. Wiederholungstäter wie ihn gibt es viele.

Lebendige Musikszene

Für die Nordenhamer Musikszene ist die Jahnhalle das kulturelle Epi-Zentrum. Die Gruppe Prime Time gibt hier regelmäßig in der Adventszeit ihre Christmas-Rock-Konzerte. Gerade erst sorgte die Nordenhamer Partyband dreimal an zwei Wochenenden für ein volles Haus. Viele weitere Gruppen aus Nordenham haben hier Bühnenluft geschnuppert. Die Jahnhalle hat einen großen Anteil daran, dass sich in Nordenham eine sehr lebendige Musikszene entwickelt hat. Jahnhallen-Mitarbeiter Sven Lüdke, selbst Gitarrist in mehreren Bands, muss es wissen: „Für eine kleine Stadt am Mors der Welt ist es schon ziemlich klasse, was hier alles passiert.“


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Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
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