Hude Ein kleiner, dunkler Raum. Der Boden ist mit dunklem Teppich ausgelegt, der Unterhaltungen und Geräusche verschluckt. Es ist warm und ein wenig stickig.

Lars Reinhardt hat Socken, ein blaues Shirt und dunkle Jeans an. Eine Uhr ziert sein Handgelenk. Er gibt ein Handzeichen. Auf einmal ist es still. „Dreh!“, sagt er. Kamerafrau Lea Machura-Badge und Aufnahmeleiterin Conny Sandkuhl richten Kamera und Ton auf die Schauspieler Luis Bohlmann-Bertzbach und Rico Beckstein. „Cut“, sagt Lars Reinhardt nach einigen Sekunden. Eine Kleinigkeit hat ihm nicht gefallen. Kurz spricht er mit den beiden Schauspielern. Die Szene wird wiederholt.

Der Regisseur und Drehbuchautor geht professionell vor. Es ist sein zweiter Spielfilm nach „Fehlerlos?!“. Zwischendurch drehte der Sandkruger den Kurzfilm „Erlöse mich von den Bösen“, mit dem er den Kurzfilmwettbewerb „movie 2.18“ gewann.

Das Erstaunliche: Lars Reinhardt ist 14 Jahre alt, besucht die neunte Klasse der Liebfrauenschule in Oldenburg. Gedreht wird nur in der Freizeit – an Wochenenden und in den Ferien. Der Arbeitstitel des neuen Filmprojekts: „To(o)gether“.

Viele Tipps und Tricks

„Viele Basics habe ich von Steffen Groth“, erklärt Lars Reinhardt. Der Schauspieler („Doctor’s Diary“) übernahm in „Fehlerlos?!“ die Hauptrolle. „Wir haben uns viel unterhalten und stehen bis heute in Kontakt. Den Rest habe ich mir selbst beigebracht.“

Die Idee zu dem neuen Film sei ihm in den Sommerferien gekommen, sagt Lars Reinhardt. Er wirkt reifer, als es seine 14 Jahre vermuten lassen. „Lea und ich hatten erst geplant, einen Kurzfilm zu drehen zum Thema Drogenabhängigkeit. Doch dann haben wir uns gesagt, warum nicht einen richtig großen Film machen“, sagt er und blickt kurz auf die Uhr. Sein Tagesablauf ist strikt getaktet. 14 Stunden Dreh sind für diesen Tag geplant.

No-Budget-Projekt

Das Filmprojekt ist genau wie „Fehlerlos?!“ erneut eine „No-Budget-Produktion“. Lars Reinhardt (14) bezieht keine Filmförderung. Alle Darsteller, die Crew und Helfer arbeiten ohne Gage –in ihrer Freizeit oder im Urlaub.

Lars Reinhardt ist auf Sponsoren angewiesen, da Technik geliehen und Requisiten gebaut werden müssen. Neben der Firma Four Pack, die Räume zur Verfügung stellt, wird das Filmprojekt von Hauptsponsor Höffmann Reisen, Log Rapid, den Rotariern Wildeshausen und Promedia gefördert.

Bereits Mitte August stand das Drehbuch. 43 Seiten umfasst der Text mit sehr detaillierten Beschreibungen von einzelnen Szenen. „Die Dialoge dürfen auch leicht improvisiert und verändert werden“, sagt Lars Reinhardt. Die Dialoge sollen so authentisch wie möglich sein.

Dabei orientierte sich der junge Regisseur auch an anderen Streifen. „Ich schaue gern Filme“, sagt er. „Ich habe immer eine Vorstellung, wie eine Szene sein soll.“ Dabei handele es sich quasi um eine „Schwarz-weiß-Vorstellung, damit ich den roten Faden behalte“. Am Ende sehe es manchmal dann doch anders aus – „aber nicht unbedingt schlechter“.

Der Plot des neuen Films ist schnell beschrieben: Die junge Maja (gespielt von Emma Höffmann) zieht mit ihren Eltern von Hamburg nach Oldenburg. Sie ist total unglücklich in diesem „Provinznest“ und rebelliert gegen Schule, Mitschüler und Eltern. Dann begegnet sie Florian (Luis Bohlmann-Bertzbach), der vor Jahren in der gleichen Situation war wie sie. Er macht Maja mit neuen Freunden bekannt – und führt sie in den Dangaster Club „To(o)gether“ ein. Dabei dreht sich der Film um Manipulation von Jugendlichen, und wie leicht sie ausgenutzt und abhängig gemacht werden können.

Große Unterstützung

An diesem Tag werden Szenen gedreht, die im „Club“ spielen. Dafür hat die Firma „Four Packs“ in Hude eine Halle zum Aufbau eines Filmstudios zur Verfügung gestellt. „Meine Vorstellung von dem Raum war komplett anders“, sagt Lars Reinhardt. Trotzdem ist er zufrieden. „Der Raum ist gut gelungen.“

Generell sei der Film recht spontan entstanden. „Wir hatten zwei bis drei Wochen Zeit zum Planen für die ersten paar Drehs. Das war ziemlich stressig“, sagt der 14-Jährige. Bei der Auswahl der Drehorte habe er große Unterstützung von der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises Oldenburg erhalten. „Die haben die Kontakte hergestellt.“

Gedreht wurde unter anderem in Hude, Huntlosen, Dangast oder auch auf dem Oldenburger Kramermarkt. Viele Statisten habe er einfach auf der Straße angesprochen, sagt Lars Reinhardt. Er klingt dabei erfahren und erwachsen. Unterstützung bekommt er von seinen Eltern und Kamerafrau Lea, die ihm oft hilft. „Wir haben das gut aufgeteilt“, sagt er und fügt hinzu: „Die Schule leidet darunter nicht.“ Er fühlt sich sichtlich wohl in seinem Team. Die meisten Schauspieler sind jung und gehen wie Lars Reinhardt zur Schule. „Sie sind alle super.“ Der Spaß stehe im Vordergrund. Gerade bei Drehtagen von 14 Stunden sei das auch notwendig. „Es ist eine Belastung – ohne Freude wäre das nicht möglich.“

Szenenwechsel: Die Jugendlichen sollen ins dunkle Clubzimmer gehen. Wichtig dabei: Sie müssen in der gleichen Reihenfolge das Zimmer betreten, in der sie die Treppe hinuntergelaufen sind – an einem anderen Drehort.

„Haben alle eine Uhr um?“, fragt Sabine Knief. Die Mutter von Lars hat erneut die Produktionsleitung inne. Sie achtet auf alle Details, behält den Überblick und verrät: „Im Film haben alle Mitglieder des Clubs ein Tattoo – deswegen müssen sie zur Tarnung Uhren tragen.“

Gespannt stehen die elf Schauspieler, die in dieser Szene eine Rolle spielen, vor der Club-Tür. Drinnen wartet Lars Reinhardt mit seinem Kamerateam. „Und go!“, sagt er laut. Rico Beckstein, der den Clubbesitzer Alex spielt, öffnet die schwere Eisentür. Nacheinander treten die Darsteller ein. „Cut“, sagt der Regisseur. Noch einmal von vorn. Und noch mal.

Sabine Knief steht in einer Ecke und schmunzelt. „Lars ist ein Perfektionist. Manchmal treibt er uns damit zur Weißglut“, sagt sie.

„Jetzt schaffen wir das“, muntern sich die Schauspieler auf. Mittlerweile stehen sie zum zwölften Mal vor der Tür. Doch nach einigen Sekunden ertönt wieder das „Cut!“ von Lars Reinhardt. „Noch einmal auf Anfang“, sagt er. Ein Unschärfe im Bild habe ihn gestört. Eine Szene habe er mal 120 Mal gedreht. Ein Schauspieler fragt nach der Toilette.

Hohe Erwartungen

Lars Reinhardt gestattet allen Darstellern eine Pause. Ein kurzer Blick auf seine Uhr folgt. „Noch sind wir gut in der Zeit.“ Zweieinhalb Tage stehen ihnen die Räume in Hude zur Verfügung. Ein kleines Büffet mit belegten Brötchen, Kuchen und Getränken ist neben dem Eingang der Halle aufgebaut.

„Die Erwartungen sind schon hoch“, sagt er in der Verschnaufpause. „Ich spüre den Druck.“ Dennoch fiebere er dem Ergebnis entgegen. Im März 2019 soll der Film fertig sein. „Bis dahin bleibt zum Glück noch etwas Zeit.“

Und was macht der Drehbuchautor, wenn er mal nicht dreht oder den Film im Anschluss in seinem Zimmer schneidet? „In der restlichen Freizeit kümmere ich mich um mein Pferd Fabienne“, sagt Lars Reinhardt und geht wieder in den kleinen, dunklen Raum. Die Pause ist vorbei: „Und go!“

Ellen Kranz Reporterin / Reportage-Redaktion
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