WORPSWEDE Der britische Bildhauer Henry Moore schaute sich zuerst die Stadt an, ehe er 1975 den Goslarer Kaiserring annahm. Moore war der erste Träger des damals neu geschaffenen ideellen Kunstpreises der Kaiserpfalz. Heute zählt der von dem Worpsweder Goldschmied Hadfried Rinke entworfene und gefertigte Kaiserring zu den weltweit bedeutendsten Preisen für moderne Kunst. Am 3. Oktober wird er an die Londoner Malerin Bridget Riley vergeben.

Rinkes Arbeit an dem goldgefassten Aquamarin, in dessen Unterseite das Siegel des 1050 in Goslar geborenen Kaisers Heinrich IV. eingeschnitten ist, beginnt Wochen vor der Verleihung. Denn jeder Preisträger bekommt ein Unikat. „Der Ring für Henry Moore war natürlich etwas ganz Besonderes“, erinnert sich der 76-Jährige, „und das nicht nur, weil er der erste war.“ Als der Bildhauer nach Goslar kam, lernte Rinke ihn kennen. „Das war eine sehr schöne Begegnung“, erzählt der Worpsweder.

Auf Moore folgten unter anderen der Maler Max Ernst, der Bildhauer Alexander Calder, Aktionskünstler Joseph Beuys, Verhüllungskünstler Christo, Konzeptkünstlerin Jenny Holzer und der Maler Jörg Immendorf. „Das Schmieden des Kaiserrings ist für mich heute keine Herausforderung mehr“, sagt Rinke offen. Doch er mache es immer noch gern. „Wer kann schon von sich behaupten, für mehr als 30 tolle Leute einen Ring gemacht zu haben?“, fragt der in Göttingen geborene Kunsthandwerker, der 1954 der Liebe wegen nach Worpswede kam.

„Als Erstes forme ich ein Wachsmodell“, erklärt Rinke. Das Modell komme in eine Gipsform, die nach dem Abbinden in einem Ofen auf mehr als 800 Grad erhitzt werde. Dabei verbrenne das Wachs rückstandsfrei. „In einem nächsten Arbeitsschritt wird der Hohlraum der Form in einer Zentrifuge mit flüssigem Gold gefüllt“, beschreibt der Goldschmiedemeister den Entstehungsprozess des Rings. „Anschließend nehme ich die Form ab, arbeite den Goldkorpus nach und schmiede die Fassung für den Aquamarin. Nachdem der Name des Preisträgers in den schlichten Goldreif eingraviert worden sei, werde der 18 Millimeter große glasklare Edelstein eingesetzt.

Obwohl er ein eigens angefertigtes Unikat ist, spielt die Ringweite keine Rolle. „Ich achte schon darauf, ob der Ring für eine Frau oder einen Mann bestimmt ist“, erklärt Rinke, aber er sei in all den Jahren noch nie auf die Größe angesprochen worden. „Ich glaube nicht, dass die Künstler den Ring tatsächlich tragen“, sagt der Goldschmied. „So eine Auszeichnung heben die meisten doch eher in der Vitrine auf.“ Seine Werkstatt hat der 76-Jährige im ehemaligen Kuhstall seines idyllisch gelegenen, restaurierten Bauernhofs etwas außerhalb von Worpswede inmitten von Wiesen und altem Baumbestand eingerichtet. Wenn er von seiner Arbeit am Werktisch aufschaut, fällt sein Blick auf eine Koppel. Pferde sind seine zweite Leidenschaft.

An erster Stelle steht jedoch die Arbeit mit hochkarätigem Gold und vor allem seine Begeisterung für seltene oder besondere Edelsteine. „Ich wollte Goldschmied werden, seit ich als Jugendlicher die Autobiografie des florentinischen Renaissance-Goldschmieds Benvenuto Cellini gelesen habe“, erzählt er.

Zielstrebig verwirklichte Rinke seinen Traum – zumindest beruflich. Für sein handwerkliches Geschick, sein ausgeprägtes Formgefühl und seine Kreativität wurde er mit dem bayrischen sowie dem niedersächsischen Staatspreis ausgezeichnet. Außerdem nahm er an mehr als 20 internationalen Ausstellungen teil, darunter als Mitglied einer Kunsthandwerkergruppe 1957 an der Triennale in Mailand sowie an den Weltausstellungen in Kanada (1967) und Belgien (1958).

In Brüssel wurde in den 60er Jahren auch Königin Fabiola auf den Worpsweder aufmerksam. „Sie suchte sich in der Galerie, in der ich meinen Schmuck verkaufte, einen Armreif mit Mondsteinen und Saphiren aus“, weiß Rinke noch. Am nächsten Tag habe der Hofmarschall das Schmuckstück jedoch zurückgebracht und gegen einige Ringe umgetauscht, die der Königin auch gefallen hätten. „Ihr Mann, König Baudouin I., fand den Armreif wohl zu modern.“

Dafür wurde er vom Schmuckmuseum in Pforzheim angekauft, wo er noch heute zur Sammlung gehört. Das Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte besitzt einen Halsschmuck von Rinke.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.