Friesland /Bockhorn Zu den Nebenwirkungen der Corona-Pandemie gehören schwere Entzugserscheinungen. An diesem Wochenende zum Beispiel wäre der Bockhorner Oldtimermarkt über die Bühne gegangen, das jährliche Stelldichein aller Autoverrückten, Schrauber, Bastler, Sammler und Nostalgiker. Die Behörden haben das Treffen nicht genehmigt, Oldtimerfreunden tut das in der Seele weh.

Vielleicht hilft ein Buch darüber hinweg, das jedem, der sich auch nur ein bisschen für die Technik und das Reparieren und Restaurieren alter Fahrzeuge interessiert, das Herz aufgehen lässt. „Hauben Taucher“ heißt es, und wer dabei spontan an Wasservögel denkt, liegt falsch. Er muss aber nur einen Blick auf das Titelfoto des Bildbandes werfen, um den Hintersinn zu verstehen. Es zeigt einen Menschen, der kopfüber unter der Haube eines weißglänzenden Messerschmitt-Kabinenrollers verschwindet.

Der Untertitel des Buches verhilft zu weiterer Aufklärung, er lautet „Leben im Motorraum“. Es geht um Menschen, die ihr ganzes Dasein zwischen Hebebühne und Drehbank, Auspufftopf und Keilriemen, Motoröl und Kettenfett verbringen. Wer es durchblättert, hat die Werk-statt-typische Geruchssinfonie aus Benzin, Öl und Gummi sofort in der Nase.

Ursprünglich hatten die Autoren Carsten Sobek (Text) und Marc-Steffen Unger (Fotos) etwas anderes im Sinn, als sie mit Kamera und Notizblock aufbrachen, um besondere Kfz-Werkstätten und ihre Betreiber zu porträtieren. Sie dachten an die fließenden Formen alter Karosserien, an antike Technik und verständliche Mechanik. „Unser Plan war es, altes Handwerk zu zeigen und es zu feiern. Es sollte auf gewisse Art eine Reise in die Vergangenheit werden“, schreiben sie im Vorwort.

Doch dann fanden sie nicht nur das, was sie suchten. Sondern auch Blechkünstler und Schraubergötter, Idealisten und nüchterne Rechner – kurzum Menschen. Verschiedenste Charaktere, die eines gemeinsam haben: Die Liebe zu dem, was sie tun.

Da ist Walter Pflitsch, der sich seine Autowerkstatt in einer alten Schnapsbrennerei bei Solingen eingerichtet hat. Er kennt jede konstruktive Macke an Mercedes-Oldtimern und Youngtimern. Seine Kunden sucht er sich aus und bestellt sie einzeln ein. Zu einem hat er mal gesagt: „Ich kenne den Fehler Ihres Autos.“ Und als der wissen wollte, welcher das sei, antwortete er: „Sie!“ Auf diese Weise wird man zwar nicht reich, aber man kriegt dafür die Kunden, die man haben möchte.

Da ist Dirk Sassen in Düsseldorf, den seine Mitarbeiter „Le Patron“ nennen. Der Chef einer chaotischen Hinterhofwerkstatt mit politisch völlig unkorrekten Pin-up-Mädchen in der Pausenecke hört das gerne. Denn er ist frankophil durch und durch. Auf dem Innenhof, auf der Straße und auf seinem Privatgrundstück stehen Dutzende von „Göttinnen“ herum: Jene vor 60 Jahren aufgelegten, UFO-gleichen Fahrzeuge der Marke Citroën. Typ DS, ausgesprochen De-Es wie Déesse, die Göttin, auf Französisch. Wer eine besaß, trauert ihr nach, wer eine besitzt, gibt sie nicht wieder her. Wer eine besitzen will, muss vielleicht mal bei Dirk Sassen vorbeischauen. Und Geduld mitbringen. Denn die Warteliste ist lang.

Oliver Zinn hat sein Herz an amerikanische Straßenkreuzer verloren, er repariert und verkauft nichts anderes als diese PS-starken Blechriesen. Seine Werkstatt mit 15 Angestellten entstand aus seinem Hobby. Eigentlich hat er Elektriker gelernt. Er arbeitete im Bergbau, bevor er die Schrauberei zum Broterwerb machte. Von Kindheit an ist er der Faszination der Ami-Schlitten verfallen, und dass er in dieser und manch anderer Hinsicht nie ganz erwachsen geworden ist, verbindet ihn mit den meisten seiner Kunden.

Bernd Eckerfeld aus Berlin ist für Schrauberromantik nicht zu haben und für das unter Oldie-Freunden übliche schnelle Duzen auch nicht. Er sagt nüchterne Sätze wie „Restaurieren heißt Wiederherstellen. Mit Kunst hat das nichts zu tun.“ Zwar lebt er ganz gut von Menschen, die sich den Vorzeige-Oldtimer als mobile Lifestyle-Prothese anschaffen und viel Geld dafür ausgehen. Er selbst sieht die Sache viel nüchterner, will einfach nur solide Arbeit abliefern.

Auf Land Rover und alles andere Englische mit Allradantrieb hat sich Urs Stiegler spezialisiert, ein Schweizer, der sein Geschäft in einem kleinen Dorf bei Sigmaringen im Südwesten Deutschlands betreibt. So um die 1500 Landrover hat er in seinem Leben zusammengekauft, sie wieder in Schuss gebracht und weiterverkauft. Von einem „Ford-Flüsterer“ erzählen die beiden Autoren, der eher Rennfahrer als Werkstattbetreiber ist, von einem „Blechkünstler“, der in Handarbeit an tonnenschweren Pressen und auf Rollenstreckmaschinen die Karosserien von Sportwagenklassikern rekonstruiert, vom „Grenzgänger“, der an der belgischen Grenze mit seinen Söhnen zusammen den Autoklassiker Citroën 2 CV, die „Ente“, restauriert und repariert. Von einem Opel-Spezialisten, der einfach beim Auto seiner Jugend geblieben ist, von „Philipp aus dem Hanfbachtal“, der nichts als alte Militärlaster zum Laufen bringt und an Liebhaber verkauft. Dann ist da die Familie Hoffmann, die alte Lastwagen vor dem Verschrotten rettet und in einer Industrieruine mitten im Ruhrgebiet ein Riesenlager an Ersatzteilen für nahezu jedes alte Nutzfahrzeug vorhält.

Und schließlich finden wir auch den Haubentaucher vom Titelbild, Oliver Herbolzheimer aus Oldenburg, der nicht nur „Schneewittchensärge“ restauriert, sondern auch andere Exoten der Automobilgeschichte. Aber die Kabinenroller von Messerschmitt haben es ihm besonders angetan, gut einhundert Stück davon hat er fertig gemacht.

Wie gesagt, „Hauben Taucher“ ist kein Auto-Buch. Und, wie die Autoren schreiben, auch kein Coffee-Table-Book als Zierde für den Wohnzimmertisch:. „Dieses Buch ist ein Werkbank-Buch. Deshalb hat es auch einen öl- und benzinresistenten Umschlag, und einen schmutzigen Fingerabdruck auf seinen Seiten empfinden wir als Kompliment.“

Nächstes Jahr, wenn vom 11. bis 13. Juni wieder ein Bockhorner Oldtimermarkt stattfindet, dürfen die Käufer es also unbesorgt mitnehmen und alle Schrauberfreunde darin blättern lassen.

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