Bremen Vor dem Bremer Rathaus singt der Capstan Shanty-Chor „Wir sind gute Freunde, die zusammenstehen“, drinnen steigt die Nervosität. Obwohl die Bremer Schaffermahlzeit in ihre 471. Auflage geht, ist etwas Entscheidendes doch anders. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) sind als Frauen keine Ausnahme mehr beim ältesten jährlichen Brudermahl der Welt. Nach Jahren des öffentlichen Drängens hat das Haus Seefahrt, der Ausrichter des Festessens, seine Statuten für weibliche Gäste geöffnet.

Was die Bremer Medien jahrelang intensiv beschäftigt hat, scheint für von der Leyen kein Thema. Gut gelaunt schlendert sie in Begleitung von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Kramp-Karrenbauer vom ehrwürdigen Haus Schütting, in dem die Handelskammer residiert, bei strahlenden Vorfrühlingswetter über den Marktplatz. Hört den Shantys einen Augenblick zu und schreibt im Rathaus in das goldene Buch der Stadt: „Buten und binnen wagen und winnen“.

Warum sie gerade das Motto der Bremischen Wirtschaft parat hat? Vielleicht weil die Familien ihrer Mutter und ihres Vaters aus Bremen stammen. „Ich habe hier noch ganz viele Vettern und Cousinen“, sagt sie. Die Kleiderfrage - der Veranstalter wünscht sich langes schwarzes Kleid, Hosenanzug oder Uniform von den Damen - löst die Ministerin ganz elegant. Zum langen schwarzen Rock trägt sie ein cremefarbenes Oberteil. „Schlicht und einfach etwas, das bequem ist und trotzdem festlich.“ Kramp-Karrenbauer hat sich für einen leicht glänzenden schwarzen Anzug entschieden. Ein verbales Gastgeschenk packt von der Leyen dann auch noch aus: „Hier ist es so schön in Bremen. Bremen ist sehr bodenständig und gleichzeitig natürlich weltoffen.“

Der Abstecher in das kleinste Bundesland scheint in anstrengenden weltpolitischen Zeiten eine willkommene Abwechslung. „Ich finde so spannend, dass hier Tradition und Moderne zusammenkommen. Die alten Werte und die alten Riten werden gepflegt, aber die Kaufleute und die Schaffer wissen sehr wohl, dass man mit dem Puls der Zeit gehen muss.“

Zur heiß diskutierten Frauenfrage gibt es vor dem Rathaus unterschiedliche Meinungen. Eine 80-jährige Bremerin, die mit ihrem Mann am Arm vorbeikommt, sagt: „Ich bin dafür, dass alles so bleibt, wie es war. Ich finde es interessanter, wenn die Männer unter sich bleiben. Frauen haben auch ihre Clubs.“ Ihr Mann staunt ein bisschen: „Sonst ist sie nicht so. Sonst kämpft sie immer für die Rechte der Frauen.“

Zwei junge Gastdamen, die sich in langen Roben in Schale geschmissen haben, könnten sich auch vorstellen, im Festsaal Platz zu nehmen. „Das ist bestimmt nett“, sagt die eine. „Aber es reicht so.“ Sie dürfen als Partnerinnen von eingeladenen männlichen Gästen nur in einem Nebenraum speisen. Der Schaffer Ralph Geuther sagt auf dem Weg ins Rathaus: „Ich finde es wunderbar, dass Frauen dazu kommen. Es wird ganz sicher auch noch weiter gehen, so dass auch Schafferinnen aufgenommen werden.“

In der Küche, nur wenige Schritte von der ehrwürdigen Rathaushalle hinter der Weserrenaissance-Fassade entfernt, beginnt jetzt die heiße Phase. Zehn Köche und ungezählte Helfer wollen die rund 300 Gäste fünf Stunden lang mit einem Menü traditioneller Seefahrtsspeichen versorgen - und zwar nach einem minutengenau festgelegten Zeitplan.

Gourmet-Koch Stefan Madaus bleibt dabei ziemlich cool. Noch bevor die Gäste eintreffen, dürfen die drei Schaffer, die alles bezahlen, gemeinsam mit ihren Frauen testen: Grünkohl, der hier Braunkohl heißt, mit Beilagen. „Jetzt wäre noch die Möglichkeit zu sagen, es schmeckt nicht“, scherzt Madaus. „Hat noch nie einer gemacht“, schiebt er hinterher. Immerhin 13 Jahre Erfahrung mit der Schaffermahlzeit hat der Chefkoch. Was ist die ungewöhnlichste Speise heute? „Stockfisch, den bestellt sonst nie jemand.“

Von der Leyen hat sich von erfahrenen Teilnehmern beraten lassen, wie das opulente Mahl am besten zu überstehen ist. „Man hat mir geraten, langsam essen, so ein bisschen wie ein Spatz.“ Und das Rauchen, das im Ablauf vorgegeben ist? „Das wird ein spannendes Experiment. Weil ich im Grundsatz gar nicht rauche, weiß ich auch noch nicht genau, wie ich damit umgehe.“

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