Im Nordwesten Die Straßen werden immer schmaler, die Dörfer kleiner, dann sind es nur noch Hofstellen, die passiert werden und am Ende muss ein ausgefahrener Feldweg bewältigt werden. Der Weg zu Maria Anna Leenen im nördlichen Osnabrücker Land ist nicht leicht zu finden, eine genaue Wegbeschreibung ist hilfreich, die Navigationsgeräte scheitern meist. Der 58-jährigen Frau ist es allerdings ganz recht, dass sie nicht so leicht zu finden ist. Sie lebt dort in ihrer Klause St. Anna ein fast klösterliches Leben.

Im Zentrum ihrer Tage steht das Gebet, das Gespräch mit Gott, die Stille der Meditation. Maria Anna Leenen ist Erimitin, eine von etwa 80 bis 90 katholischen Gläubigen, die sich in Deutschland für ein Leben in einer Einsiedelei entschieden haben, eine Lebensform, die es seit Jahrhunderten gibt, geprägt durch Zurückgezogenheit von der Welt, Stille und Einfachheit.

Dem Osnabrücker Bischof hat sie es in die Hand versprochen und vor Gott gelobt, dass sie bis zum Tode ein Leben nach den „evangelischen Räten“ führen will – in Armut, eheloser Keuschheit, gehorsam gegen Gott und den Bischof und in Zurückgezogenheit. Das Einhalten dieser Regeln bedeutet allerdings nicht, dass sie sich völlig von der Welt abgewandt hätte. „Das geht ja gar nicht“, erklärt sie dem Besucher: „Ich bin ja ein Teil der Welt – meide aber weltliche Dinge wie Schützenfeste, Shopping, Grillpartys, Kinobesuche oder Schwätzchen bei Bier und Korn.“

Andererseits sei sie gesprächsbereit für die Menschen, die zu ihr kommen, um Rat oder Trost, Hilfe oder Zuwendung zu bekommen. Es gelte, Weltliches zu meiden, nicht aber die Welt: „ Schließlich hat auch Gott die Welt so geliebt, dass er seinen Sohn Jesus geschickt hat – nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.“

Deshalb sei auch jeder Mensch, der zu ihr komme, ihr Bruder oder ihre Schwester – „und sein Leid ist dann mein Leid“. Jeder Ratsuchende finde die Tür offen, es gebe für jeden eine Stunde Zeit und eine Tasse Tee oder Kaffee. Und es werden immer mehr, die vorbeikommen oder im Internet und per E-Mail um Rat und Hilfe bitten. Nahezu täglich ist die Einsiedlerin auch als Seelsorgerin gefragt.

Die Tage beginnen übrigens früh in der Klause St. Anna und sind, ähnlich wie im Kloster, durch Stundengebete strukturiert, aber auch durch Hausarbeit und das Versorgen des Gartens und der Ziegen, die ebenfalls zur Einsiedelei gehören. Außerdem gehört tägliche Erwerbsarbeit zum Eremitenleben, denn der Lebensunterhalt muss selbst verdient werden. Maria Anna Leenen schreibt Bücher, hält Vorträge und verziert Kerzen, die sie an Privatleute und Kirchengemeinden verkauft.

Viel ist das nicht, was sie so erwirtschaftet, sagt sie, und manchmal war es auch schon richtig knapp in den vergangenen Jahren. Aber Grund zum Klagen gebe es nicht. Im Gegenteil. Sie vermittelt deutlich das Gefühl, dass sie ihren Weg gefunden hat, nach vielen Umwegen, Irrungen und Wirrungen.

Der Weg in die Einsiedelei begann für Maria Anna Leenen 1985 in Venezuela. Dort hatte sie mit einem Freund eine Büffelfarm aufbauen wollen und stattdessen ein Scheitern auf der ganzen Linie erlebt. Damals, als sie krank und auch sonst ziemlich am Boden war, begegnete ihr das Bibelwort „Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – ein Satz der ihr Leben verändern sollte.

Zunächst ging es zurück nach Osnabrück, wo sie in einer evangelischen Familie aufgewachsen war. Dort stellte sie dann fest, dass sie sich in katholischen Gottesdiensten wohler als in der evangelischen Kirche fühlte. Die Konsequenz: Sie wurde katholisch und trat später in einen Nonnenorden ein.

Nach etwa drei Jahren, sie war noch Novizin, wurde ihr klar, dass ihr Weg ein anderer sei. Die Suche nach einer geeigneten Klause begann, jahrelang wohnte sie in einer baufälligen Baracke, bevor sie dann ihr jetziges Domizil mieten konnte. Zehn Jahre lebt sie dort inzwischen – und gemeinsam mit einem Förderverein würde sie das alte Landarbeiterhaus gern erwerben, renovieren und dauerhaft für eremitisches Leben sichern – „als Brunnen in der Wüste der Welt“.

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
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