BREMERHAVEN Als Walter Freier am 20. Juni 1939 die „Columbus“ in Bremerhaven betritt, ahnt er nicht, dass es die letzte Fahrt des Kreuzfahrtschiffes sein wird. Freier ist 19 Jahre jung und arbeitet seit gut einem Jahr als Deckshandwerker an Bord. Stolz liegt sie da, über 200 Meter misst der Luxusliner, der ganze 25 Meter breit ist. „Es war ein wunderschönes Schiff“, erinnert sich der 88-Jährige bei einem Gespräch in Bremerhaven. „Sie war beliebt bei Franzosen, Briten und besonders bei den Amerikanern“.

Sie alle gehen an diesem 20. Juni gemeinsam als Freunde an Bord. Noch herrscht ausgelassene Stimmung, liegt doch augenscheinlich ein Sommer voller Unbeschwertheit vor ihnen. Der Zweite Weltkrieg deutet sich an, doch so richtig daran glauben, das will in diesen Tagen keiner. Als das Schiff langsam vom Kai ablegt und seinen Heimathafen verlässt, spielt die Kapelle „Muss i denn, muss i denn . . .“

Ein halbes Jahr später tobt der Krieg, die „Columbus“ – einst Freund der Briten, Franzosen und Amerikaner, ist nun ein erklärter Feind. Am 19. Dezember 1939 sitzt das Kreuzfahrtschiff in den Weiten des Atlantik fest: entweder die Kaperung durch die Briten oder eine Selbstversenkung sind die Alternativen.

Der Kapitän des Schiffes, Wilhelm Dähne, muss die vermutlich schwerste Entscheidung seines Lebens fällen und weist an, die „Columbus“ anzuzünden und die Seeventile zu öffnen: Das Kreuzfahrtschiff versinkt brennend in den Meeresfluten. Die knapp 600 schiffbrüchigen Besatzungsmitglieder werden von dem amerikanischen Schiff „Tuscaloosa“ aufgenommen.

„Die letzte Fahrt der Columbus“ heißt auch der Radio-Bremen-Film, den die ARD am 17. Dezember ausstrahlt. Grundlage der 45-minütigen Dokumentation sind spektakuläre 16-mm-Filmaufnahmen und diverse Fotos, aufgenommen von Richard Fleischhut. Er war zu jener Zeit Starfotograf und auch bei der letzten Fahrt der „Columbus“ an Bord.

Ergänzt wird die Zeitreise durch aufschlussreiche Interviews mit ehemaligen Crewmitgliedern, die Reinhard Joksch als Autor des Films ausfindig machen konnte. Zwei von ihnen sind Walter Freier und Paul Neubert, die heute beide in Bremerhaven leben. Als ihnen und der gesamten Crew Ende Oktober 1939 der deutsche Konsul in Vera Cruz den Befehl aus Berlin übermittelt, dass die „Columbus“ Richtung Deutschland auszulaufen habe, will man dieses Todesurteil nicht einfach hinnehmen: Kapitän Dähne fährt zur Gesandtschaft nach Mexiko City und bemüht sich, zu überzeugen, dass ein solcher Befehl unsinnig sei, denn es bestehe keine Aussicht, aus dem Golf von Mexiko unbeschadet herauszukommen. Aber: Befehl ist Befehl, die Ausführung überlässt man Kapitän Dähne.

„Wir machten uns große Sorgen, dass wir es nicht schaffen würden“, erzählt Freier. Als Feind der ganzen Welt den Atlantik zu überqueren, war letztlich ein hoffnungsloses Unterfangen – das wusste auch Dähne. Er probte mit seinen Männern immer wieder den Ernstfall und ließ außenbords alles, was weiß war, grau streichen. Viele hunderte Kilometer fuhr die „Columbus“ entlang der Küste Nordamerikas durch neutrales Hoheitsgewässer, das es am 19. Dezember 1939 verließ.

„Es war bestes Wetter“, erinnert sich Freier, „man konnte meilenweit gucken.“ Zu gut für eine Transatlantiküberquerung mitten im Krieg. Plötzlich tauchte die „HMS Hyperion“ auf, ein Zerstörer der britischen Royal Navy. „Und wir bekamen einen Schuss vor den Bug“, erzählt Freier. Man solle das Schiff übergeben, hieß es, doch Kapitän Dähne hatte seine Entscheidung längst gefällt: Er wollte das Schiff keinen Fremden überlassen und ordnete die Selbstversenkung an.

Die unzähligen Proben für den Ernstfall machten sich nun bezahlt. Jeder Handgriff saß, alle wussten was zu tun war. Freier gehörte zu jenen, die die Besatzungsmitglieder in Rettungsschiffen ausbooteten: „Es war alles ziemlich hektisch, alles musste ganz schnell gehen. Für Angst blieb da gar keine Zeit.“

Die „USS Tuscaloosa“ nahm die Schiffbrüchigen auf und brachte sie nach New York. Sechs Jahre sollte es dauern, bis Walter Freier wieder deutschen Boden betreten und seine Familie wiedersehen sollte. Er und seine Mannschaftskollegen wurden zunächst auf „Ellis Island“ interniert, später auf „Angel Island“ in San Francisco und in Fort Stanton in New Mexiko, schließlich folgten noch North Dakota und Washington. Trotz der schwierigen Situation: „Ich habe an diese Zeit gute Erinnerungen“, sagt Freier. Sie seien immer anständig behandelt worden.

1945 durften Walter Freier und Paul Neubert, die sich im Laufe der Jahre angefreundet hatten, zurück nach Deutschland. „Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwartete und ob meine Familie noch lebte“, erzählt Freier. Als die beiden Männer in Bremerhaven ankamen, wurden sie in ein Zuchthaus nach Baden-Württemberg verlegt. Erst vier Wochen später hieß es: Ihr könnt nach Hause. „Nur wie? Wir hatten ja überhaupt kein Geld“, erzählt Freier – aber amerikanische Zigaretten. Und die brachten das nötige Geld für eine Zugfahrkarte nach Bremerhaven. Noch heute treffen sich die beiden Männer, deren Freundschaft vom Untergang der „Columbus“ besiegelt wurde.

Katja Lüers Redakteurin / Reportage-Redaktion
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