OLDENBURG Er hat noch die alten Fotos auf dem Computer, „hier“, sagt Detlef Roßmann und klickt sich lächelnd in die Vergangenheit: Da parken die Autos auf dem Pferdemarkt, sie sind eckig und orange und sehr oft von Simca; da steht das Haus an der Johannisstraße 17, es hat noch den schäbigen grauen Putz; und da sind die Menschen, die in das graue Haus gehen, denn wer einen Film sehen will, muss ein Kino besuchen, DVD und Blu-Ray und Internet sind ja noch nicht erfunden im Jahr 1981.

Roßmann klickt sich zurück in die Gegenwart. „Heute“, sagt der 65-Jährige, „ist es für uns Kinobetreiber ungleich schwieriger als damals.“

Immer weniger Kinos

Alljährlich veröffentlicht die Filmförderungsanstalt FFA in Berlin das sogenannte „Kinoergebnis“. Diese Statistiken zeigen, dass die Besucherzahlen in den deutschen Kinos in den vergangenen Jahren bestenfalls stagnieren, bei vereinzelten Ausreißern nach oben. Wer einen längeren Zeitraum betrachtet, sieht eine Kurve, die nach unten fällt: Während im Jahr 2001 noch 177,9 Millionen Deutsche ins Kino gingen, waren es 2010 nur 126,6 Millionen.

Stetig sinkt auch die Zahl der Leinwände und die der Kino-Standorte. 2009 sackte die Summe der Kino-Städte und -Gemeinden erstmals knapp unter die 1000er-Marke, 2010 waren dann nur noch 954 übrig. „Dramatisch“ nennt die FFA diesen Rückgang: „Wenn eine Ortschaft ihr einziges Kino – häufig die letzte Bastion der Kultur – verliert, ist dies oftmals ein irreparabler Schaden.“

Dr. Detlef Roßmann, ein promovierter Literaturwissenschaftler, sitzt in seinem engen Büro hoch über dem „Casablanca“-Kino. Das Haus, 1870 gebaut, hat er längst weiß angestrichen, seit 30 Jahren arbeitet er hier als Kinobesitzer. An seiner Bürowand kleben Filmplakate, „Außer Atem“ von Godard und „Die fabelhafte Welt der Amelie“ von Jeunet, der Chef liebt den französischen Film. Neben den Plakaten wackelt das alte „Ausverkauft“-Schild im Luftzug. Roßmann sagt: „Wer heute Kino macht, muss auf Zack bleiben.“

Denn das ist vielleicht der größte Unterschied zu 1981: Damals konnte sich Roßmann noch auf eine gewisse „Anfangsneugier“ verlassen, wie er sagt: „Wir hatten gleich im ersten Jahr 4000 Besucher im Monat – bei nur einem Saal!“ In jenen Jahren funktionierten in den Kinos sogar sehr alte Filme, zum Beispiel der Klassiker „Casablanca“, der Roßmanns Kino den Namen lieh. Heute schauen sich die Menschen so etwas lieber auf DVD an, zu Hause vor der Großbildleinwand, aus den Lautsprechern spielt Pianist Sam dazu im Dolby-Surround-Sound.

Natürlich gab es auch vor Erfindung des Heimkinos Probleme. Anfang der 90er Jahren entstanden die ersten Multiplex-Kinos in Deutschland, „die haben überall die Konkurrenz platt gemacht“, erinnert sich Roßmann: „toller Sound, tolle Leinwände“. Die „Anfangsneugier“ trieb Leute nun in die Großkinos, auch in Oldenburg, wo Ende der 90er ein Multiplex gebaut wurde.

„3D war ein Geschenk“

Das Oldenburger „Cinemaxx“ steht am Hafen, und oben im 3. Stock hat Grit Buscher ein schmales Büro, die Theaterleiterin; sie ist ungefähr halb so alt wie Detlef Roßmann, nämlich 33. Auch bei ihr kleben Filmplakate an der Wand, vorn im Flur hängt „Wall Street“ von Oliver Stone, hier dominiert der amerikanische Film.

Vieles von dem, was Grit Buscher in ihrem Büro sagt, könnte auch ein Zitat von Detlef Roßmann sein: dass man sich nicht ausruhen darf, dass man den Menschen ein Erlebnis bieten muss, dass das Drumherum sehr wichtig ist. Vielleicht liegt das daran, dass Multiplexe und Programmkinos zwar ein unterschiedliches Film-Angebot haben, aber mittlerweile die gleiche Konkurrenz: Home-Entertainment, Internet, Filmpiraterie.

„3D war schon ein Geschenk für uns“, sagt Grit Buscher, „die Oldenburger nehmen das sehr dankbar an.“ 3D schaffe ein „Erlebnis“, das man nicht so schnell zu Hause nachbauen kann. Am „Drumherum“ arbeitet Buscher gerade auch: Im Erdgeschoss werkeln Bauarbeiter, das „Cinemaxx“-Foyer wird komplett neu gestaltet, die Riesenrutsche für die Kinder wurde bereits eingeweiht. „Cinemaxx ist mehr als Kino“, zitiert Buscher den Konzern-Werbespruch.

Programmkinos und Multiplexe haben dabei voneinander gelernt. Die Programmkinos mussten nachrüsten, damit sie in Klang und Bild und Komfort mit den neuen Großkinos mithalten können. Zurzeit dreht sich alles um das Stichwort „Digitalisierung“, auch Detlef Roßmann will seine drei „Casablanca“-Säle digitalisieren, „das kostet mich gut eine Viertelmillion Euro“, sagt er.

Die Multiplex-Kinos haben derweil ihr Programm stetig erweitert. Sie arbeiten mit Filmfestivals zusammen, „nicht, um Geld damit zu verdienen“, wie Grit Buscher beteuert, „sondern vor allem aus Image-Gründen“. Lange galten die großen Kinos unter Cineasten als „böse“, „aber das ist heute nicht mehr so“, glaubt die Theaterleiterin. Die „Cinemaxx“-Kette zeigt sogar Live-Übertragungen aus der Metropolitan-Opera in New York. So kommen auch ältere Besucher ins „Cinemaxx“, das jahrelang vorwiegend von der Jugend lebte.

Blick in die Zukunft

Grit Buscher sagt, sie habe kein Besucher-Problem: Gut zu 450 000 Menschen zählt sie jährlich in ihren acht Sälen, „nur in diesem Jahr ist das ein bisschen rückläufig“. Auch Detlef Roßmann erklärt, er habe keinen Grund zum Jammern. Rund 100 000 Gäste besuchen jährlich sein Drei-Säle-Haus, „in diesem Jahr sind wir sogar deutlich drüber“.

In seinem „Casablanca“-Büro klickt sich Roßmann jetzt in die Zukunft, er öffnet Statistiken und Tabellen. Künftig wird es noch mehr um den Komfort gehen müssen, ist er überzeugt: „Die Sessel müssen bequem sein, es muss gute Weine geben, hin und wieder Filmgespräche“. Auch „Kooperationen“ seien sehr wichtig, „Schulkino, fremdsprachliche Filme, Psychoanalyse und Film“. Grit Buscher spricht in ihrem Büro ganz ähnlich von „Sonderveranstaltungen“: „Ladies Night, Fun2Night, Männerabend.“

Die Gegenwart. Draußen auf dem Pferdemarkt stehen windkanalgeformte Autos, die meisten sind schwarz oder grau. Die Welt hat sich verändert in den letzten 30 Jahren, aber Autos gibt es immer noch. „Es wird auch weiter Kinos geben“, sagt Detlef Roßmann – „wenn sie den Leuten etwas Besonderes bieten.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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