Bremerhaven Spaghetti, Kaffee, Tee, Kakao und das gerade in der Adventszeit beliebte Marzipan – alles Beispiele für Köstlichkeiten, die von weit her kommen und zeigen: Nicht nur Menschen wandern ein und aus, auch Speisen, Gewürze, Gerichte und Getränke haben eine oft bewegte Migrationsgeschichte. „Wenn jemand seine Heimat verlässt, kocht und isst er am neuen Ort die Speisen, die er von zu Hause kennt“, sagt Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Oder Reisende und Kaufleute bringen Spezialitäten aus anderen Ländern mit und machen sie zu Hause heimisch. Die Geschichte der kulinarischen Wanderungsbewegungen lässt sich im Auswandererhaus sogar schmecken.

Dafür organisiert es Verkostungen, beispielsweise zu Bier, Kakao, Kaffee und Kartoffeln. Und jetzt zum Marzipan, das im New-York-Saal des Museums einen besonders verführerischen Duft verströmt. Die Spezialität, die zu Weihnachten gern verschenkt wird, hat die Bremer Süßwaren-Expertin Kirsten Hartlage mitgebracht. Sie kennt sich in der Migrationsgeschichte der Leckerei aus und räumt gleich mit einem weit verbreiteten Irrtum auf: „Marzipan wurde nicht aufgrund einer Hungersnot in Lübeck erfunden. Es tauchte im Jahr 1000 nach Christus in Persien auf – als Haremskonfekt.“

Es waren Kaufleute, die den Süßteig aus Mandeln, Zucker und Rosenwasser schon bald über Arabien nach Europa brachten, wo er anschließend seinen Siegeszug antrat. „Zunächst als Heilmittel und Aphrodisiakum, später mit Schokolade überzogen als Praline“, erläutert Hartlage und weiß auch, dass es beim Thema Marzipan ähnlich wie bei Lakritz nur Liebhaber oder Gegner gibt, nur Top oder Flop: „Die Hälfte der Kinder und Erwachsenen mag Marzipan, die andere nicht. Dazwischen gibt es nichts.“

Verblüffende Erkenntnisse

Wer durch die Ausstellung des Deutschen Auswanderhauses geht, stößt an vielen Stellen auf Speisen, die wie das Marzipan quer über den Globus transportiert wurden. „Kartoffeln kamen aus Südamerika nach Europa, deutsches Bier und Bratwürste nach Nordamerika“, verdeutlicht die Historikerin und Migrationsforscherin Eick. So wird im texanischen New Braunfels seit 1961 das „Wurstfest“ gefeiert, das auf Deutsche zurückgeht, die dort Mitte des 19. Jahrhunderts einwanderten. „Das größte deutsche Volksfest in den USA lockt jedes Jahr bis zu 120 000 Besucher an“, sagt Eick. Mit Bier und Bratwurst im Überfluss.

Unter dem Titel „Speisen auf Reisen“ präsentiert das Auswandererhaus diese besondere Form der Migrationsgeschichte in einer eigenen Veranstaltungsreihe und fördert dabei auch verblüffende Erkenntnisse zutage. „Dass zum Beispiel der Döner in Deutschland erfunden wurde, ist nur ein Gerücht – den gab es schon im Osmanischen Reich“, sagt Eick und fügt als weiteres Beispiel hinzu: „Maya und Inka in Lateinamerika haben den Kakao bitter getrunken. Erst in Europa kam Zucker dazu.“

Wie sehr Einwanderer Küche und Essgewohnheiten ihrer neuen Heimat beeinflusst haben, zeigt die Kulturhistorikerin Maren Möhring in ihrer Habilitationsschrift. Unter dem Titel „Fremdes Essen“ dokumentiert der 550 Seiten starke Wälzer, wie Trattorien, Balkan-Grills und Tavernen mit Pizza, Cappuccino und Gyros den Speisezettel der deutschen Mehrheitsgesellschaft ummodelten.

Wobei dabei auch die Sehnsucht der Deutschen nach dem Süden eine Rolle spielte: „Nicht zuletzt der Massentourismus hat in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle gespielt“, schreibt die Leipziger Professorin Möhring. Ihre Bilanz: Ausländische Gaststätten entwickelten sich im zivilen Umgang mit „dem Anderen“ zu Lernorten.

„Essen ist ein zentraler Bereich der Migrationsgeschichte“, bestätigt Simone Eick. Dass es auch dunkle Seiten dieser Historie gibt, dafür stehen Schimpfworte wie „Spaghetti-Fresser“. Oder die rechtsradikale Parole „Bockwurst statt Döner“, die eine „Invasion fremder Lebensmittel“ suggerieren will und auf rassistische Ab- und Ausgrenzung zielt. Dabei kommt die Bockwurst aus dem Ausland und wurde im 17. Jahrhundert von französischen Hugenotten nach Deutschland gebracht.

Skurrile Anekdote

Reichlich skurril mutet eine Anekdote zur Migrationsgeschichte der Essgewohnheiten aus Wolfsburg an, wo es früher in einer italienischen Eisdiele blickdichte Vorhänge gab. Der fleißige Deutsche ließ sich dort in den ersten Jahren nicht gern öffentlich sehen, weil Italien fest mit dem Lebensgefühl des „Dolce Vita“, des süßen Nichtstuns jenseits der Alpen verbunden wurde. „Wer dort tagsüber Eis aß, galt als faul“, sagt Simone Eick.

Dass viele zugewanderte Lebensmittel mittlerweile ganz selbstverständlich zur deutschen Küche gehören, findet Eick gut. Das passe auch zu den Zielen, die das Auswandererhaus verfolge: „Wir wollen Lust machen auf das Unbekannte und die Neugier auf Menschen wecken, die anders sind“, betont sie. „Das Essen ist da einfach ein ziemlich guter Einstieg.“

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