Oldenburg Ein Gespenst geht um. Es trägt Jeans und Turnschuhe. Und gähnt. Kurz nach Acht: Gruselig früh. Ungeschminkt sieht Sir Simon de Canterville besonders müde aus. Und schrecklich normal. Menschlich eben.

„Er kann nicht schlafen. Seit 400 Jahren schon. Und sterben auch nicht“, sagt Matthias Kleinert und lässt sich in den Drehsessel plumpsen. Dann wird er kreidebleich: Silvia Schlottag erscheint im Spiegelbild hinter ihm, klappt ihr Köfferchen auf und beginnt mit der weißen Grundierung, tupft himmelblaue Patina-Flecken mit dem Schwämmchen auf, tuscht die Lieder violett, zieht lange, traurige Augenbrauen über seine Stirnfalten und hext dem Gespenst von Canterville einen Schönheitsfleck auf die Wange.

Lebende Kunstwerke

Alles nach Plan. Auf den muss die Maskenbildnerin längst nicht mehr gucken. Sie verwandelt Matthias Kleinert mehrmals die Woche am Vormittag in den traurigen Sir Simon für „Das Gespenst von Canterville“. Abends pudert und toupiert sie die Operndivas des Staatstheaters. Dazwischen verleiht sie Darstellern verschiedener Schauspiele mit Lockenwicklern und falschen Zöpfen, Make-Up und Glitzerstaub bühnenreifen Glamour – klebt, klemmt, kleistert, bis vor ihr lebende Kunstwerke sitzen. Ihr halbes Leben arbeitet sie schon hinter den Kulissen und schminkt die Helden vor dem Vorhang. Gelernt hat Silvia Schlottag vor der Maskenbildner-Lehre Friseurin. Haare schneiden war allerdings nie ihr Ziel.

Im Ton vergreift sich die 40-Jährige selten: „Nur neulich musste ich überlegen, was ich für die Titanic-Aufführung noch als Grundschminke verwendet habe.“ Und einmal, bei der „West Side Story“, hat sie viel zu dick aufgetragen: „da ging die Farbe einfach nicht mehr vom Oberkörper des Schauspielers runter. Wir mussten dann Alkohol aus der Apotheke holen.“

Matthias Kleinert verzieht den Mund und bekommt einen Zwirbelschnautzer drüber geklebt. Soll ja halten. Bei dem Proben hat das Gespenst während seiner Purzelbäume und den Kämpfen mit renitenten Kürbisköpfen schon mal unter plötzlichem Haarausfall gelitten: „Die Perücke wollte nicht halten“, sagt Silvia Schlottag, „da mussten wir uns was ausdenken“. Sir Simon hebt die Arme: Unter den Achseln des Schauspielers ist die blaue Tolle festgegurtet. Feinheiten und Tricks entstehen nach und nach. Sechs bis acht Wochen bevor die Schauspieler auf der Bühne üben, bekommen die 13 Maskenbildner des Staatstheaters Wunschlisten und Entwürfe von den Gewandmeistern – sogenannte Figurinen.

Haarige Schatzkammern

Die Skizzen und Zeichnungen werden ein Stockwerk über den Schminkzimmern von Kostümbildnern entworfen – umringt von den Schatzkammern der Fantasie: Korsagen, Reifröcke, Zylinder, Prinzessinnenkleider, Ritterrüstungen, Eisbärenfelle, Hasenköpfe, Wolfsohren, Weihnachtsmannbärte, Aschenputtelzöpfe – Stoffe, aus denen Träume sind – stapeln sich bis zur Decke hinter schweren Metalltüren. Und hunderte Perücken. Alle aus Echthaar, alle selbst geknüpft. 60 bis 80 Stunden brauche sie für eines dieser Unikate, sagt Silvia Schlottag und kämmt mit den Fingern durch eine blonde Mähne, die irgendwann mal schwarz auf dem Kopf einer Asiatin gewachsen ist.

In den Werkstätten verbringen sie und ihre Kolleginnen einen Großteil der 40-Stunden-Woche. Nicht nur Perücken auch Glatzen werden hier auf Gips- und Holzkopfabdrücke der – meistens recht umgänglichen – Schauspieler maßgefertigt. Und weil Sir Simon sich im Laufe der 115-minütigen Vorstellung seines Arms entledigt, musste auch eine Dublette von Matthias Kleinerts Gliedmaß entworfen werden. Als Schauspieler reißt sich der 52-Jährige natürlich mit Begeisterung ein Bein aus: Seit 1988 steht er auf den Brettern, die seine Welt bedeuten. Wenn er nicht als Gespenst über die Bühne geistert, urteilt er als Richter in Schirachs „Terror“ oder gibt sich dramatisch in „Schönheit“.

Training für Gespenster

Vor Texthängern graut es Sir Simon weniger als vor einem Bänderriss: „Ich mache zur Vorbereitung Situps und Dehnungsübungen“, sagt der Oldenburger und wischt weißen Puder von seiner Pumphose. Um die würde ihn sicher jeder Karnevalist beneiden, er selbst könne mit Fasching nichts anfangen. Das sei irgendwie zu beruflich.

Einen Spielplan lang war er als Tempelherr in „Nathan der Weise“ abendlich drei Stunden am Stück in einer Ritterrüstung mit Schraubverschlüssen gefangen: „Toilettengänge in den Pausen waren gestrichen, ich habe kaum was getrunken.“

Gespenstern sind menschliche Bedürfnisse erlaubt. Miese Laune auch. „Das kommt vor. Ich lasse die Schauspieler dann in Ruhe“, sagt Silvia Schlottag. Nach der Vorstellung, wenn alles gut über die Bühne gebracht ist und minutenlang applaudiert wurde, sei die Anspannung meist einer Euphorie gewichen. „Gong“, sagt ein Lautsprecher und verkündet, dass in zehn Minuten die Tonproben beginnen werden. Die Tür fliegt auf, ein kleiner Junge in Hosenträgern kommt herein. Unter dem Bürstenschnitt verbirgt sich die blonde Pracht von Justine Wiechmann. Eine Viertelstunde dauert es, bis Silvia Schlottag das üppige Haupthaar der Schauspielerin verschwinden lässt. Zwischendrin lässt sie Mr. Hiram Otis einen Oberlippenbart stehen.

Für eine Maskenbildnerin ist das Kinderstück märchenhaft. Alle neun Darsteller verlassen die Zaubertür im Obergeschoss auf der Rückseite des Theaters als fabelhafte Fantasiewesen. Es gongt ein zweites Mal. Wenn Sir Simon de Canterville am frühen Nachmittag Feierabend hat und Matthias Kleinert besonders schnell nach Hause will, schminkt er sich schon mal etwas schlampig ab – die Rückverwandlung gehört nicht zu Silvia Schlottags Job. „Dann denken die Leute auf der Straße ich komme gerade aus einer Tarvestie-Show“, sagt der Schauspieler, streicht sich über die silberblaue Tolle und schwebt davon – um endlich auf der Bühne zu sterben. Im Foyer scharen sich bereits aufgeregte Schüler. Wie von Geisterhand schließt sich die Tür der Maske wieder. Es wird gespenstisch still.

Bereits im Januar besuchten NWZplay-Moderator Christoph Ernst und ein Kamerateam das Staatstheater:


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Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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