Oldenburg Museumsdirektor Rainer Stamm schaut äußerst zufrieden in die Runde und stolz auf einige Stapel eng beschriftetes, sorgsam verpacktes Papier. Was auf den ersten Blick so unscheinbar aussieht, ist eine außergewöhnliche Schenkung. Sie erweitert den Bestand des Oldenburger  Museums für Kunst und Kulturgeschichte um ein weiteres Archiv aus der Zeit der Moderne und soll helfen, das Haus auch international als bedeutenden Standort für kunsthistorische Forschung zu positionieren.

Domizil in Dangast

„Bedeutend“ und „wertvoll“ sind in diesem Zusammenhang Stamms bevorzugte Adjektive: Bei der Schenkung handelt es sich um eine Sammlung von mehr als 750 Autographen und Dokumenten der Künstlergemeinschaft „Brücke“ und zur Oldenburger Kunstgeschichte der Moderne, die aus dem Nachlass des 2012 verstorbenen Kunsthistorikers Gerhard Wietek stammt. Er hatte sich über rund sechs Jahrzehnte mit den „Brücke“-Künstlern beschäftigt, die zwischen 1907 und 1912, angelockt von Meer und Moor, ihr Sommerdomizil an der Nordsee aufschlugen. Schließlich organisierte er 1957 eine inzwischen legendäre Ausstellung in Oldenburg mit ihren ungebärdigen Bildern.

Biografie – Wegweisende Ausstellung

Gerhard Wietek wurde 1923 in Schlesien geboren und starb im vergangenen Jahr in Hamburg. Von 1955 bis 1959 arbeitete Wietek als Kustos im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Im Jahr 1957 realisierte er für den Oldenburger Kunstverein die wegweisende Ausstellung „Maler der ,Brücke‘ in Dangast“. Der Kunsthistoriker war vor allem mit dem „Brücke“-Maler Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) befreundet, der wiederum mit dem Oldenburger Juristen und Kunstsammler Ernst Beyersdorff (1885– 1952) – das einzige passive Mitglied der „Brücke“ – freundschaftlich verbunden war.

Den größten und wertvollsten Teil der Sammlung nehmen die Künstler-Korrespondenzen aus den Jahren 1908 bis 1965 ein. Allein vom Maler Karl Schmidt-Rottluff sammelte Wietek rund 450 Briefe und Postkarten, adressiert an Künstlerfreunde und Sammler, wie Emma Ritter, Rosa Shapire, Wilhelm Niemeyer oder an den Oldenburger Kunstsammler und Vorsitzenden der „Vereinigung für junge Kunst“, Ernst Beyersdorff. Erhalten ist auch der private Briefwechsel Wieteks mit befreundeten Künstlern.

Seit drei Wochen befindet sich die Sammlung im Haus und wird derzeit gesichtet, sortiert, archiviert und entziffert. Einige Briefe – etwa die von Julia Feininger, der Frau des Malers Lyonel Feininger, an Emma Ritter – wurden mit der Schreibmaschine getippt. Das Paar war 1936 in die USA emigriert, hielt aber engen Kontakt mit der Malerin. Die meisten Handschriften sind nicht so gut lesbar wie die raumgreifenden, fast grafischen Schriftzüge von Schmidt-Rottluff. Viele seiner Briefe stammen aus der Zeit der „Brücke“-Künstler in Dangast oder thematisieren seine und Erich Heckels Aufenthalte im Oldenburger Land. Einige sind mit Holzschnitten versehen und muten wie Miniatur-Kunstwerke an.

Vier Archive

Obwohl die Briefwechsel miteinander verzahnt sind, sollen sie separat aufbewahrt werden. Neben der Wietek- Schenkung und dem hauseigenen Archiv befindet sich auch der Nachlass des früheren Museumsdirektors Walter Müller-Wulckow und das Archiv der „Vereinigung für junge Kunst“ im Museum. Für Stamm ist das ein „erstklassiges Fundament“ für die museale Arbeit, das sich mit dem „Brücke“-Museum in Berlin und dem Archiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, dem zentralen Ort für Künstler-Nachlässe, messen lassen könne. Grund genug, zufrieden zu gucken.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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