BRAKE /OLDENBURG Er sieht irgendwie verändert aus, wie er da in den Hausflur tritt. Es ist nicht der Kopf; den hat er wie immer frisch rasiert, auch den Dschingis-Khan-Bart trägt er so schon seit Jahren. Zur Begrüßung winkt er kurz mit dem Autoschlüssel, und da weiß man plötzlich, was nicht stimmt an diesem Bild: Sandro Giampietro hält keine Gitarre in der Hand.

Damals, in dem Musikgeschäft in Oldenburg, hatte er gerade eine Fender Telecaster in der Hand, als er diesen Mann mit der komischen Frisur kennenlernte. Der Mann war auf der Suche nach einer neuen Gitarre, Giampietro wollte seine verkaufen, also spielte er dem Mann ein bisschen was vor. Der Mann fragte: „Kann man Dich mitkaufen?“ – und am nächsten Abend stand Sandro neben ihm auf einer Bühne in Emden und spielte Gitarre. Der Mann war Helge Schneider.

„Fast hätte ich den Job gleich wieder verloren“, erinnert sich der 39-Jährige lächelnd. Im Konzert riss seinem neuen Chef Helge Schneider eine Gitarrensaite, und Sandro tat, was er immer tut: Er spielte Gitarre. Schnell sprang er an den Bühnenrand und improvisierte ein Solo. Die anderen Musiker tuschelten: So was gehört sich doch nicht als Neuling! Aber dem Chef gefiel das Solo, inzwischen gehört Giampietro der Tourband des Musikclowns seit elf Jahren an.

„Ich hab’s geschafft“, sagt Giampietro und lächelt: „Ich muss nie langweilige Musik spielen!“ Natürlich sei es anstrengend, so wie jetzt eineinhalb Jahre von Stadt zu Stadt zu reisen; den Interviewtermin mit dieser Zeitung musste er auf einen spielfreien Tag zwischen Auftritten in Kiel und Oberhausen legen. Aber spielfreie Tage gibt es zum Glück regelmäßig – und die nutzt der Gitarrist, Überraschung, zum Gitarre spielen.

Zum Beispiel mit Michael Kiske, dem Ex-Sänger der Heavy-Metal-Band Helloween. Die beiden nahmen 2003 eine viel gelobte CD auf. Noch besser schlug ein Jahr später die CD von Zillion ein, Giampietros Bandprojekt mit den Metal-Stars Jens Becker (Grave Digger) und Mike Terrano (Yngwie Malmsteen). Das Fachblatt „Metal Hammer“ lobte Giampietro als einen der „besten Gitarristen Deutschlands“, die Gitarrenfirma Gibson engagierte ihn prompt als Werbeträger.

Am liebsten schreibt er an seinen schneiderfreien Tagen allerdings Songs für seine eigene Band Sandro. Ehefrau Michaela begleitet ihn am Bass, Schlagzeug spielt der Oldenburger Nikolas Fritz, zu Hause in der Samtgemeinde Hagen auf der anderen Weser-Seite gibt es ein professionelles Tonstudio. Schon bald soll eine neue CD erscheinen.

Sandro legt den Autoschlüssel auf den Tisch, er hat genug geredet. Hinten in der Ecke hat er eine Konzertgitarre entdeckt. Er prüft den Hals und die Saitenlage, spielt drei, vier Jazzakkorde, ein paar seiner pfeilschnellen Sololäufe. Er lächelt, und jetzt, mit der Gitarre in der Hand, sieht Sandro Giampietro auf einmal wieder ganz vertraut aus: so wie früher bei den Konzerten mit seinen Bands in Oldenburg, als Gitarrenlehrer in Brake, im Fernsehen mit der Helge-Schneider-Band.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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