Bremen Der gesellschaftliche Umbruch durchzieht wie ein roter Faden Anton Tschechows (1860–1904) Werk, das er mit seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“ vollendete. Zwar liegt seine Epoche lang zurück, aber Tschechows Schilderung einer Gesellschaft in der Krise erscheint, wenn schon nicht zeitlos, auch heute gültig.

Die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk verzichtet in ihrer Inszenierung dann auch konsequent auf bemühte Aktualisierungen und setzt auf klassische Tschechow-Qualitäten. Zu denen gehört auch, dass gar nicht viel geschieht in Tschechows Stücken. Und so setzt der Abend mit Warten ein, mit einer Spannung, die nicht nur auf der Bühne nach Entladung verlangt, sondern auch die Körper erzittern lässt. Immer wieder lässt Zandwijk im weiteren Verlauf des dreistündigen Abends das Geschehen anhalten, den Stillstand auf die Figuren wirken, der sich ab und an in einer überhitzten, nie ganz gelingenden Gemeinschaftlichkeit auflöst.

Das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft hat Thomas Rupert (Bühne und Kostüme) in einem schlichten Bild eingefangen: Ein überdimensioniertes Kinderzimmer symbolisiert das Vergehende, ein sich später verkleinernder Durchbruch in der Wand legt den Blick frei auf den Rest der Welt samt Kirschgarten, von dem am Ende nur ein Bild an der Wand übrigbleibt – und auch das wird schließlich abgehängt.

Dass einem die drei Stunden nicht lang werden, ist auch ein Beleg für die Stärke des Bremer Ensembles, das hier gut bis hinreißend agiert, allen voran Irene Kleinschmidt als Gutsbesitzerin und Robin Sondermann als Lopachin, dem Kaufmann mit bäuerlichem Hintergrund, der als behutsamer Modernisierer zwar schließlich ökonomisch triumphiert, aber menschlich scheitert. Am Ende gab es großen Applaus.


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