OLDENBURG Manchmal erstarrt man vor soviel Unglück. In der nächsten Szene muss man lachen. Das geht so über zwei Stunden hin und her. Und das ist gut so, denn Gerhart Hauptmanns Drama „Die Ratten“ ist eine Tragikomödie. Genauso kontrastreich hat sie Regisseur K. D. Schmidt im Kleinen Haus des Staatstheaters umgesetzt.

Caroline Nagel ist Mutter John. Ihr Drama ist es, eben keine Mutter zu sein. Verhärmt stapft sie, fast zu zart in sanfte Farben gekleidet, zwischen den Reihen brauner Pappe hin und her, die den Boden der Bühne bedecken. Das sind Stolperfallen, aber Oberschenkelhalsbbrüche sind nicht zu beklagen. Eben noch hatte Spitta, dieser geborene Theologe mit dünner Brille, in der parallelen Geschichte um Theaterdirektor Hassenreuter seine steife Liebe zur Schauspielerei zu putzig vorgeführt.

Da fährt Mutter John fast schon zur Hölle: einem armseligen Dienstmädchen in billigen Tretern hat sie das Kind im Mutterleib abgekauft und nicht ordentlich wie Madonna oder Angelina Jolie in der Dritten Welt abgeholt. Die John hat das Kind als eigenes Kind ausgegeben, sich tragisch verstrickt, vor einem Mordauftrag nicht zurückgeschreckt, am Ende den eigenen Mann verloren und die Polizei auf der Pelle . . .

Hauptmanns Berliner Hinterhof-Tragikomödie entwickelt sich in Oldenburg auf reichlich kahler Bühne. Rechts ist irgendwo ein Loch im Bühnenboden, hinten links liegt ein Haufen mit Hausrat und Klamotten. Der Minimalismus stört nicht, weil das Stück tief emotional und schön flüssig arrangiert wurde. Zwischen den Akten laufen auf der hinteren Wand stumme Filmsequenzen. Sie zeigen Szenen aus dem Tierreich, geordnet nach Geburt, Jagd oder Tod, wobei die Parallele zwischen der Aufzucht kleiner Affen oder tötender Bären mit der menschlichen Tragödie recht gewagt wirkt.

Regisseur K. D. Schmidt lässt das Berlinerische flüssig und verständlich sprechen. Das Stück hat er kaum gekürzt, den Selbstmord der John nur angedeutet, die Nachbarin Knobbe allerdings als Mann in Frauenklamotten gesteckt.

Aus dem vorzüglichen Ensemble ragen heraus: Thomas Lichtenstein als jovialer, wampiger, auch mal säuerlicher und humanistisch schwätzender Theaterdirektor. Fast spielt er alle anderen an die Wand.

Vincent Doddema ist Spitta, zunächst herrlich komisch, dann triefend entrüstet oder kristallen ernst. Gilbert Mieroph als selbstgerechter Maurerpolier, Juliana Djulgerova als abgerissenes polnisches Dienstmädchen, Norbert Wendel als unheimlicher, angedunsener Killer Bruno – keiner fällt da zurück. Nicht zuletzt die erbarmungslos nach kleinem Glück gierende John überzeugt auf ganzer Linie: Caroline Nagel spielt das Miese, Fiese, Dumpfe der nicht mehr jungen Frau gekonnt mit. Man spürt ihre Tragik, wenn Caroline Nagel einsam und verloren die Arme vorm Körper verschränkt. Mitleid empfindet man indes kaum.

„Die Ratten“ wurden 1911 uraufgeführt und ausgepfiffen. In Oldenburg gab es kräftigen Beifall für die moderne Version. Das Stück passt in unsere Zeit, auch, weil es Abiturthema in Niedersachsen ist. Ein Drama, das Bestand hat, so lange die Wirklichkeit dafür Material liefert.

Großes Theater im Kleinen Haus.

Karten: 0441/222 51 11

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Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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