Wie Gerd Presler In Seinem Neuen Buch Die Kunstgeschichte Korrigiert
Bloß skizziert und doch vollendet

Die Skizzenblätter berühmter Maler standen immer im Ruf des Vorläufigen. Völlig zu Unrecht, meint der Kunstexperte.

Bild: Presler
Eindrucksvoll wie ein Gemälde: „Sitzende auf gelber Decke – Fränzi“ (1910/Aquarell) von Ernst Ludwig Kirchner (Privatbesitz/Abbildung im Buch von Presler)Bild: Presler
Bild: Privat
Der Kunstexperte Dr. Gerd PreslerBild: Privat
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Weingarten Michelangelo und Leonardo da Vinci im 15. Jahrhundert haben sie nach Gebrauch entsorgt, der Maler Max Beckmann (1884–1950) dagegen hielt sie sorgsam unter Verschluss, nicht einmal Ehefrau Quappi hatte Zugang. Skizzen berühmter Künstler – rasch hingeworfen, um den ersten Eindruck festzuhalten – sind zwar auf dem Kunstmarkt einiges wert, doch in der Kunstgeschichte vor allem eines – unterschätzt.

Zu Unrecht, wie der Publizist und Kunstexperte Dr. Gerd Presler betont und in seinem neuen Buch „Das Skizzenbuch. Glücksfall der Kunstgeschichte“ ausführt. Durch die Jahrhunderte sei den Skizzen der Künstler etwas Vorläufiges zugeschrieben und ausschließlich das Gemälde als schöpferischer Höhepunkt wertgeschätzt worden. „Das kann man so nicht mehr stehen lassen.“

Nicht hingehört

Als wichtigsten Gewährsmann führt er Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) an. Das Gründungsmitglied der „Brücke“ habe einmal gesagt, dass er in der Skizze eine „Spannung“ erzeuge, die sich bei der Arbeit in Richtung auf das Gemälde verringere. Presler zitiert wörtlich: „Was habe ich mich geschunden, im Gemälde das zu verwirklichen, was mir im Skizzenbuch-Blatt wie selbstverständlich gelang.“ Der Autor ist sich sicher, dass man da bisher nicht richtig hingehört hat.

Die Entdeckung, wie er es nennt, liegt schon einige Jahre zurück: als das Kirchner-Museum 1992 in Davos eröffnet wurde und eine Schenkung von 160 Skizzenbüchern erhielt. Der „Schenker“ – der berühmte Auktionator Robert Norman Ketterer – kam auf Presler zu und bat ihn, den Schatz wissenschaftlich aufzuarbeiten.

In der Moderne fingen die Künstler an, das Skizzenbuch als einen ganz eigenen Ort zu empfinden, nur die Kunstgeschichte hat sich an Künstlern wie Michelangelo festgehalten, der seine Skizzen als Mittel zum Zweck betrachtete. „Man ist überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass sich da etwas ändern könnte.“

Viele Künstler haben an ihren Skizzenbüchern gehangen. Der 80-Jährige nennt den Norweger Edvard Munch, den Dänen Asger Jorn und vor allem Beckmann. Dessen Skizzenbücher „waren sein letztes Refugium“, an das niemand herandurfte, nicht einmal seine Frau. Mathilde, genannt Quappi (aus der berühmten Malerfamilie Kaulbach), hatte gewusst, dass die Bücher von besonderem Wert sind und dafür gesorgt, dass sie den „besten Platz erhielten, den sie überhaupt bekommen konnten“: die National Gallery in Washington.

Der Forschungsstand sei noch in den Anfängen, erläutert Presler: „Ich habe nur etwas angestoßen.“ Auswirkungen auf künftige Kunstauktionen sieht er nicht unbedingt: „Die einzelnen Skizzenbuchblätter haben ja schon astronomische Preise.“ Das war vor rund 20 Jahren noch anders. Im Katalog eines namhaften Schweizer Auktionshauses aus dem Jahr 1971 werden unter der Nummer 451 „ca. 100 Skizzenbuchblätter“ aufgelistet: „Man hat sie nicht einmal genau gezählt!“.

Wenige Exemplare

Rund 20 Bücher hat Presler bisher verfasst, und wie die beiden vorherigen ist auch sein aktuelles nicht im Buchhandel erhältlich. Ein kleine Auflage von 95 Exemplaren ist lediglich über seine Webseite zu bestellen und schon fast vergriffen. „Ich wollte das Besondere im Range des Exklusiven halten“, sagt er zur Begründung.

Wer möchte, erhält dennoch einen Zugang: Auf der Online-Plattform XinXii sind seine bisher letzten drei Bücher auch als E-Book erhältlich.

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